ESPRESSOMASCHINE / Germans At Meat – KATHERINE MANSFIELD (1910)

ESPRESSOMASCHINE TEIL 2

Wie eine Bombe hatte der erste Teil der Espressomaschine im August diesen Jahres hier auf „bloglichter“ eingeschlagen, umjubelt von unzähligen Fans der stets zu kurz kommenden Kurzgeschichte, die ihre Begeisterung kaum zügeln konnten.

Heute nun, zu Ehren des einjährigen Jubiläums von bloglichter, gibt es endlich den lang herbeigesehnten, zweiten Teil. Katherine Mansfield, eine der Urmütter der modernen englischen Short Story, soll die Tradition weiterführen.

Katherine Mansfield, 1917.

GERMANS AT MEAT (Deutsche beim Fleisch; 1910)

Wie der Titel schon verdeutlicht, bleiben wir literarisch kulinarisch. Damit liegt Katherine Mansfields Erstlingswerk selbst 105 Jahre nach Erscheinen voll im Trend. Wie ich auf der Frankfurter Buchmesse am Wochenende sehen konnte, scheint sich Literatur heutzutage in Deutschland v.a. dann gut zu verkaufen, wenn sie wie ein Genussartikel feilgeboten wird. Wie die Schokolade zum Espresso und der Trollinger zum Saumagen.

Katherine Mansfield war 23 Jahre jung, als sie ihre erste Kurzgeschichten-sammlung „In a German Pension“ (1911) veröffentlichte. 1909 hatte die Deutschsprechende Neuseeländerin sechs Wochen in einer Pension im bayrischen Kneipp-Kurort Bad Wörishofen verbracht, um dort, dem Wunsch ihrer wohlhabenden Eltern Folge leistend, unbemerkt das Kind aus einer Londoner Liaison zur Welt zu bringen. Beim Kofferheben erlitt sie eine Fehlgeburt.

Zeit ihres Lebens(1888-1923) hatte sie sich gegen eine Neuauflage der „Pension“ gesträubt. Während des Ersten Weltkrieges wurde sie von Verlegern regelrecht bedrängt, ihre frotzeligen Skizzierungen deutscher Kurgäste wieder freizugeben. Aber nein,

I cannot have the German pension reprinted under any circumstances. It is far too immature. […] It’s not good enough. […] But I could not for a moment entertain republishing the „Pension“. It’s positively juvenile,…; Oh no, never!

Die Ich-Erzählerin, eine junge, vegetarisch lebende Engländerin, befindet sich allein unter deutschen Kurgästen, die sich beim Mittagessen in der Pension die Bäuche vollschlagen. Es ist der Typus des hässlichen, unsensiblen Deutschen mit unangenehmer Wesensart, der aufgeblasene Großkotz und besserwisserische Grobian, dessen altmodisches Hinterwäldlertum sich in jedem seiner Worte und Gesten offenbart.

Pass me the sauerkraut, please. You do not eat it?

No, thank you. I still find it a little strong.

‚Is it true‘, asked the Widow, picking her teeth with a hairpin as she spoke, ‚that you are a vegetarian?‘

Why, yes; I have not eaten meat for three years.

Im-possible! Have you any family?

No.

There now, you see, that’s what you’re coming to! Who ever heard of having children upon vegetables? It is not possible. But you never have large families in England now; I guess you are too busy with your suffragetting. […]

‚Germany,‘ boomed the Traveller, biting round a potato which he had speared with his knife, ‚is the home of the Family‘.

Es ist auch die Zeit des Deutsch-Britischen Flottenwettrüstens, das dem Ersten Weltkrieg vorangeht.

Said the Traveller: I suppose you are frightened of an invasion too, eh? Oh, that’s good. I’ve been reading all about your English play in a newspaper. Did you see it?

‚Yes‘, I sat upright, ‚I assure you we are not afraid.‘

‚Well, then, you ought to be‘, said the Herr Rat. ‚You have got no army at all – a few little boys with their veins full of nicotine poisoning.‘

‚Don’t be afraid,‘ Herr Hoffmann said. ‚We don’t want England. If we did, we would have had her long ago. We really do not want you.‘

He waved his spoon airily, looking across at me as though I were a little child whom he would keep or dismiss as he pleased.

‚We certainly do not want Germany‘, I said.

Die angespannte politische Situation wird am deutschen Mittagstisch von der Meute älterer Herren und Damen an der jungen Engländerin abgearbeitet, die sich wacker schlägt, aber schon bald das Weite sucht, als sie über die Aufgaben einer guten Haus- und Ehefrau belehrt wird.

What is your husband’s favourite meat? asked the Widow.

I really do not know.

You really do not know? How long have you been married?

Three years.

But you cannot be earnest! You would not have kept house as his wife for a week without knowing that fact. […] How can a woman expect to keep her husband if she does not know his favourite food after three years?

Mahlzeit!

Mahlzeit!

I closed the door after me.

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Penguinausgabe von 1981.

Willkommenskultur ist etwas anderes. Die junge Engländerin mit guten Manieren kann einem Leid tun. Ihr Aufenthalt im vulgären Deutschland kommt einer Bestrafung gleich. Die überzogene Stereotypisierung der Deutschen liest sich trotzdem sehr nett, weil es Mansfield in dieser Geschichte vor allem um eine satirische Verfremdung universeller und tradierter Geschlechterrollen im Patriarchat geht, die von den meisten Frauen unkritisch und zum Zwecke der Selbstwertstabilisierung übernommen werden. Mich hat überrascht, wie aktuell die Diskussion um den Vegetarismus anmutet.

Dass sich hier noch ein nationalistischer Diskurs beimischt, der das Patriarchat nur im ekligen deutschen Wesen verortet, ist den politischen Verhältnissen der Zeit und dem Format der Kurzgeschichte geschuldet. Es war nicht die Zeit politischer Korrektheit. Die 22-jährige Mansfield sensibilisiert ihre Leserinnen mit dem Presslufthammer.

In der Figur der jungen Engländerin entwickelt Mansfield eine immer noch moderne Alternative zum verblödeten Rollenklischee, das die Zeiten überdauert. Da aber nicht nur die Demokratie, sondern erfahrungsgemäß auch die Gleichberechtigung und das Recht auf Selbstbestimmung der Geschlechter jeden Tag neu erstritten und verteidigt werden müssen, hat diese feine Kurzgeschichte nichts an Aktualität verloren. Ein lustiger Zeitvertreib ist sie obendrein.

Zum Nachlesen auf der Seite der Katherine Mansfield Society: Germans At Meat

Bilder:

  1. Cup of Espresso: © Nevit Dilmen [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)%5D, via Wikimedia Commons
  2. Katherine Mansfield, 1917: By Ottoline Morrell (1873-1938) [Public domain], via Wikimedia Commons