Purity – Jonathan Franzen (2015)

Could a more perfect manufactured object than a tennis ball be imagined? Fuzzy and spherical, squeezable and bouncy, its stiching a pair of matching tongues, its voice on impact a POCK in the most pleasing of registers. (p. 526)

WIN_20151004_115506 (2)So geht es der Protagonistin Pip beim Tennisspielen, und so ging es mir mit meiner neuen Franzen-Lektüre. Der Roman „pockt“ auf 563 Seiten. Der Schreibstil ist locker und geradlinig, will den Leser anscheinend nicht manipulieren. Ein leicht zugänglicher, in seinen pointierten Beobachtungen, humorvoller Realismus, begleitet die Leser durch die Erzählung. Es scheint, als hätte der Autor die Angst abgelegt, die Erwartungen erfüllen zu müssen, DEN großen amerikanischen Roman abzuliefern.

Um Befreiung und Selbstbestimmung geht es auch im Roman. Die junge Purity „Pip“ Tyler will endlich wissen, wer ihr Vater ist. Sie sitzt nach ihrem Hochschulstudium auf einem Schuldenberg von 130.000 $. Von ihrer Mutter, einer hochsensiblen und emotional instabilen Frau, die sich in einer heruntergekommenen Hütte in Kalifornien versteckt, ist zwar viel Liebe und Verständnis aber keine finanzielle Hilfe, geschweige denn wichtige Informationen über den Vater zu erwarten.

Pip reagiert auf ihre Abnabelungstendenzen von der Mutter mit schweren Schuldgefühlen. Neben ihrem „Mommy issue“ hat sie als vaterlos aufgewachsener Mensch zusätzlich ein „Daddy issue„, d.h. sie verliebt sich in ältere Männer, von denen sie sich eine Orientierung im Leben erhofft. Pip ist kein besonders tiefgründiger Charakter, sie bleibt eher farblos, was für die Geschichte aber nicht von Nachteil ist, passt sich ihre Unbestimmtheit doch an das Thema der Identitätssuche an.

Eine weitere Figur mit eindeutigem „Mommy issue“ ist der sex- und pornosüchtige Ostdeutsche Andreas Wolf. Im Gegensatz zu Purity, wird seine Kindheit und Jugend als Sohn eines Stasifunktionärs und einer Professorin für Anglistik mit einem Faible für Iris Murdoch, Hamlet und junge Studenten, gleich im zweiten Kapitel „The Republic of Bad Taste“ eingehend beschrieben.

ehem. Stasihauptquartier, Berlin-Lichtenberg

Anders als der Großteil der Ostdeutschen, freut sich Andreas Wolf im November 1989 nicht über den Fall der Mauer, denn er hat ein dunkles Geheimnis, das durch den politischen Umbruch ans Tageslicht zu geraten droht. Im entscheidenden Moment gelingt es ihm, belastende Stasiakten an sich zu nehmen. In einer der besten Szenen des Romans flüchtet er mit einer Plastiktüte unter dem Arm aus dem Stasihauptquartier, wo man im Januar 1990 damit beschäftigt ist, Akten zu schreddern oder aus dem Fenster zu werfen. Dabei wird er von westlichen Kamerateams gefilmt. Heuchelei von Kindesbeinen an erlernt, lässt er diese Chance nicht ungenutzt:

My name is Andreas Wolf, he said, I am a citizen of the German Democratic Republic, and I am here to monitor the work of the Citizens‘ Committee of Normannenstraße. I’m coming directly from the Stasi archives, where I have reason to fear that a whitewash is occuring. […] This is a country of festering secrets and toxic lies. Only the strongest of sunlight can disinfect it!

Hey, stop, called a member of the crew … say that all again!

He said it all again.

Als Gründer der Enthüllungsplattform „Sunlight Project“ mit Hauptquartier in Bolivien, macht er es sich als Whistleblower in den folgenden Jahren zur Aufgabe, die Welt zu „desinfizieren“, indem er Korruption und Sexismus ans Tageslicht zerrt, an seinem Image als charismatischer Wahrheitsguru arbeitet und reihenweise die Frauen flachlegt.

Ritterlich bewahrt Jonathan Franzen seine Leserinnen davor, ebenfalls dem Charisma des Andreas Wolf zu erliegen, weiß man doch über seine wirklichen Absichten von Anfang an Bescheid. Vielleicht konnte ich deshalb das so oft beschworene Charisma nicht so ganz nachvollziehen. Purity schließt sich dem Sunlight Project an, um das Geheimnis ihrer Herkunft zu klären. Die Sexszenen zwischen ihr und Wolf sind, wie ich finde, durchaus gelungen.

Ein weiteres Kapitel ist aus der Ich-Perspektive des „guten Amerikaners“ und

Faust und Mephisto an der Semperoper, Dresden

Enthüllungsjournalisten Tom Aberant geschrieben, der sich 1990 ebenfalls in Berlin befindet und auf Andreas Wolf trifft. Zwischen beiden Männern entwickelt sich eine Art Hassliebe, eine Verbindung zwischen dem faustischen und mephistophelischen Prinzip, die dem Buch eine mystische Note verleiht. Es kommt nicht von ungefähr, dass das Faustzitat „…Die stets das Böse will und stets das Gute schafft“ „Purity“ vorangestellt wurde.

In seinem neuen Roman führt Franzen die großen Themen wie Eltern-Kind-Beziehungen, Sexus und Herrschaft im 21. Jahrhundert sowie Fluch und Segen der alten und neuen Medien fort. So wie Faust dem Geheimnis des Lebens auf die Spur kommen möchte, so durchwühlen die modernen Whistleblower und Hacker auf ihrer Suche nach Korruption und Intrigen das Internet und fremde Computer. Ihre Motive sind dabei häufig wenig ehrenwert, eher allzu männlich, „the male embarrassment„.

Die in Rezensionen oft geäußerte Kritik, Franzen wolle das Internet als eine Ausgeburt des diktatorischen Überwachungsstaates der DDR darstellen, quasi als DDR von heute, kann ich nach der Lektüre des Romans nicht ganz nachvollziehen. Sicher gibt es Parallelen. Aufschlussreicher finde ich in diesem Zusammenhang ein Zitat aus dem Essay „Why Bother?“ von 1996, in dem Franzen in einer Zeit, in der die Kriegs-und-Öl-Propagandamaschine unter Präsident Bush auf Hochtouren lief und alle Lebensbereiche zu durchdringen versuchte, schreibt:

The American writer today faces a cultural totalitarianism analogous to the political totalitarianism with which two generations of Eastern bloc writers had to contend.

Die Analogie zur DDR dient somit der Verstärkung seiner kulturpessimistischen These, nämlich, dass in den USA eine Infantilisierung weiter Kreise der Bevölkerung durch die Medien stattfinde, die zu Entpolitisierung, Kritiklosigkeit, Konsumgeilheit und totaler Anpassung des Individuums führe. Dass hier auch ein Funken Hoffnung angesichts des Niedergangs der DDR mitschwingt, wird deutlich.

Mein Eindruck ist, dass „Purity“ ein Roman ist, der von Befreiung und Selbstbestimmung auf den unterschiedlichsten Ebenen handelt. Sexualität spielt auf fast jeder Seite eine Rolle, v.a. die Freiheit, sexuelle Avancen abzulehnen, Manipulationen zu durchschauen, Kreativität, die sich nicht so ganz entfalten kann, wie bei Toms Frau Anabel, die Befreiung vom Joch der Diktatur, die Befreiung aus emotional belastenden Familienbeziehungen.

Andere Figuren bleiben in ihrer Entwicklung aufgrund von Schuldgefühlen stecken, wie Toms Partnerin Leila Helou, die ihren querschnittsgelähmten Mann nicht verlassen kann, oder weil sie einfach zu doof sind, wie Phyllisha Babcock, die immer noch dem Vollidioten hinterhertrauert, der sie für orgiastischen Sex auf einem thermonuklearen Sprengkopf gewinnen konnte, welcher später jedoch als Attrappe auffliegt.

He wanted her to feel the power he had at his disposal. He wanted her to take off all her clothes and put her arms around the bomb and stick her little tail up in the air for him. […] To be that close to so much potential death and devastation, to have her sweaty skin against the cool skin of a death-bomb, to imagine the whole city going up in a mushroom cloud when she orgasmed. It was pretty great, she had to say. […] Neither of us will ever forget the night with the death-bomb. It’s like a memory we can always treasure.

„Purity“ ist in weiten Teilen witzig und abwechslungsreich. Die seitenweise, minutiöse Wiedergabe von Paarkonflikten war mir allerdings stellenweise zu lang, wie z.B. in Tom Aberants Bericht, dem später im Roman eine bedeutsame Rolle zukommt und der dem Leser, wenn der Bericht nicht in gretchenhafter Naivität gelesen wird, vermutlich einen Schauer über den Rücken jagen dürfte.

Weiterhin kommt beim Lesen große Franzen-Freude auf angesichts des ausgeprägten, psychologischen Feingespürs des Autors für die Irrungen und Wirrungen menschlicher Veränderungsprozesse, die er bis in die kleinsten Verästelungen nachzuzeichnen versteht.

Obwohl sich alle Geheimnisse am Ende in einem quasi-Happy Ending auflösen, bleibt ein zweifelhafter Nachgeschmack zurück, der die berechtigte Frage aufwirft, ob und inweiweit den Erzählstimmen des Romans überhaupt Glauben geschenkt werden könne. Die Leserin, als nun aufgeklärtes Gretchen, bleibt somit, dank Mr. Franzen, zukünftig vom Schlimmsten verschont.

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Bilder:

  1. Stasi-Museum: von Prof.Quatermass (Eigenes Werk) [CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)%5D, via Wikimedia Commons
  2. Semperoper: von SchiDD (Eigenes Werk) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)%5D, via Wikimedia Commons