Iris Murdoch: Under the Net (1954)

DSC_0040 Die Nachbarin übt am Cello. Draußen regnet’s in Strömen. Die Katzen sind satt, glücklich mit sich und der Welt. Ein guter Zeitpunkt, um sich Iris Murdochs „Under the Net“ zu widmen.

Murdochs Erstlingswerk aus dem Jahre 1954 spielt in London und Paris und ist ein moderner, philosophischer Schelmenroman, der sich um Jake Donaghue dreht, einen mittellosen Übersetzer französischer Literatur.

I am something over thirty and talented, but lazy. I live by literary hack-work, and a little original writing, as little as possible.

Unfreiwillig verlässt er seinen bequemen Trott, denn seine Freundin Madge schmeißt ihn aus der Wohnung. Jake sucht fortan eine Bleibe, danach sucht er einen alten Freund, dann eine alte Freundin, einen Job, ein Manuskript oder einen Hund. [s. Fußnote 1] Die Story bleibt von Anfang bis zum Ende leider recht mager, stellenweise wird sie klamaukig und ermuntert sich an dem Beziehungsgeflecht des Romanpersonals, das um den Protagonisten herum gruppiert wurde. Es ist so (spannend), als würde man einer Familienaufstellung oder einem Schachspiel beiwohnen. „A comic novel about work and love, wealth and fame“ stellt der Klappentext angesichts der dürftigen Handlung fast entschuldigend fest.

Da gibt es den Cousin Finn: wortkarg und praktisch veranlagt, weicht er nicht von Jakes Seite; die Schwestern Anna und Sadie Quentin: die eine Sängerin, die andere Schauspielerin, beide auf ihre Art an Jake interessiert; den Feuerwerksproduzenten und Filmmagnaten Hugo Belfounder, mit dem Jake mehr oder weniger tiefgründige philosophische Diskussionen führt. Diese Figuren haben mich größtenteils kalt gelassen.

Man merkt, dass Murdoch versucht, sich an literarischen Vorbildern wie zum Beispiel Dickens zu orientieren. So wird der kettenrauchenden und katzenliebenden Ladenbesitzerin Mrs. Tinckham fast drei Seiten humorvoller Beschreibung gewidmet. Letztendlich erscheint diese Figur später im Roman jedoch nur noch einmal am Rande. Da hat eine junge, traditionsbewusste Autorin versucht, sich den literarischen Standards des Establishments anzupassen, aber somit dem Roman nur phasenweise Leben einhauchen können. Geschadet hat es ihr nicht.

Der Titel „Under the Net“ hat einen sprachphilosophischen Bezug. Das Netz der Sprache hält uns gefangen. Sie lässt es nicht zu, dass persönliche Emotionen authentisch vermittelt werden können. Murdoch, selbst viele Jahre als Philosophieprofessorin in Oxford tätig, verdeutlicht dieses Dilemma in allen Beziehungen des Romans. Kunst und Sprache distanzieren den Menschen von der Realität.

All theorizing is flight. We must be ruled by the situation itself and this is unutterably particular. Indeed it is something to which we can never get close enough, however hard we may try as it were to crawl under the net.

Es stellt sich mir die Frage, ob dieses Problem eventuell ein persönliches war [s. Fußnote 2] oder den begrenzten gesellschaftstauglichen Ausdrucksmöglichkeiten ihrer Zeit geschuldet ist. Sind wir heutzutage weiter?

Den Roman zu lesen ist jedoch keine Zeitverschwendung. Er ist auf seine eigene, bedeckte Art unterhaltsam. Ich habe das Buch mit stetem Interesse, jedoch ohne große Begeisterung gelesen. Nicht mehr aber auch nicht weniger.

Die Geschichte eignet sich für Gemüter, die sich nicht unbedingt aufregen wollen, die stattdessen gerne etwas wiedererkennen, wie z.B. in den Leseclubs kleinstädtischer Literaturgesellschaften üblich, wo die intertextuellen Bezüge zu Klassikern der Literaturgeschichte trefflich herausgestellt werden können – beeindruckendes Name-dropping inklusive – ohne dass einem die leichte, eingänge Story allzuviel abverlangen würde. Die durchaus aufregenden Abenteuer des Protagonisten bleiben durch die Einbettung in die Tradition gedämpft und unaufgeregt, so dass einem der Afternoon-Tea bei der Lektüre nicht aus der Tasse schwappt. Maybe this is just typically British, who knows.

—–

Fußnoten:

  1. 1997 wurde Murdoch mit Alzheimer diagnostiziert. Einige Wissenschaftler sehen die ersten Anzeichen der Erkrankung in ihrem letzten Roman „Jackson’s Dilemma“ von 1995. BBC report on Murdoch’s Alzheimer Disease   vor allem auf der sprachlichen Ebene. Eventuell, so meine Vermutung, lassen sich bereits im ersten Roman auf thematischer, aber auch der sprachlichen Metaebene, Anzeichen für die Erkrankung finden.
  2. s. Fußnote 1.
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9 Kommentare zu „Iris Murdoch: Under the Net (1954)

  1. Da stolpert man auf einen Beitrag über jenes Werk, das man vor gefühlt 100 Jahren (eigentlich sind es nur 4) im Englisch GK gelesen hat und kann die Meinung und Zusammenfassung wirklich nur teilen.
    „Maybe this is just typically British, who knows.“

    Desweiteren, um die schändliche eigentliche Absicht in den Raum zu stellen:
    Ich habe dich für den „Liebsten Award“ nominiert und wenn du möchtest kannst du ja gerne mal vorbeischauen -> Maybe this is just typically British, who knows.

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    1. Thanks for the kind words, Mr. Voland. Aha, Liebster Award, soso. Vielen Dank und ist das mit Arbeit verbunden? Auf der Website „Delicious Lecter“ finde ich allerdings nichts.

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  2. klug und vernünftig beschrieben, Almathun. Ich lese derzeit gemächlich – „mit stetem Interesse, jedoch ohne große Begeisterung“ – in Murdochs „The Nice and The Good“. In dem Fall ist es allein eine Freude, an Englands Küste zu verweilen und nebenbei einen Quasi-Krimi serviert zu bekommen. „Die durchaus aufregenden Abenteuer des Protagonisten bleiben durch die Einbettung in die Tradition gedämpft und unaufgeregt, so dass einem der Afternoon-Tea bei der Lektüre nicht aus der Tasse schwappt.“ Wunderbar! Und weil ich keinen Wert auf schwappenden Tee beim Lesen lege, (zum Beispiel bei Witzels manisch-depressiven Teenager), lese ich vielleicht noch von ihr ‚The Sea, The Sea‘.

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    1. Na, dann wünsche ich weiterhin gute Unterhaltung bei der Lektüre. Under the Net habe ich das erste Mal vor etwa 15 Jahren gelesen, ebenfalls unbeeindruckt und mit (noch) weniger Verständnis als jetzt, aber der Roman hat mich immer wieder aus dem Regal zu sich gerufen, sodass ich nun doch noch einmal zugegriffen habe. Was ich dort gesucht habe, ist mir ein Rätsel, aber es wird schon seinen guten Grund gehabt haben.

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