WIN_20150830_122314Patricia Highsmiths (1921-1995) erster Ripleyroman feiert in diesem Jahr seinen sechzigsten. Ihr zwanzigster Todestag war am 4. Februar dieses Jahres. Einmal nach ihrem Lieblingsfilm in einem Interview gefragt, nannte sie etwas verlegen „Vom Winde Verweht“, und ergänzte, dass der Roman von Margaret Mitchell ja auch ziemlich gut sei.

Was mag sie an dieser Bürgerkriegsschmonzette angesprochen haben? Zum einen stammte sie auch aus den Südstaaten, geboren in Fort Worth, Texas. Als sie sechs Jahre alt war, zog die Mutter mit ihrem zweiten Ehemann nach New York. Von ihrem ersten Gatten, Highsmiths Vater, ließ sie sich neun Tage vor der Entbindung scheiden. Hört sich nach einer starken Frau an, ganz wie Scarlet O’Hara in „Verweht“. Aber der Roman hat eine weitere Auffälligkeit, die er mit den meisten Highsmith-Geschichten teilt, nämlich eine markante Dreierbeziehung zwischen zwei Männern und einer Frau.

In „The Talented Mr. Ripley“ dreht sich die Handlung um Tom Ripley, einem geschickten Kleinbetrüger, aus mittellosen Verhältnissen stammend, der nach Europa geschickt wird, um dort Richard Greenleaf, den Sohn eines vermögenden Schiffsfabrikanten, in den Kreis der Familie und Firma nach New York zurückzuholen. Der hat es sich in Italien, im kleinen Fischerdorf Mongibello, als Maler und mit einer Freundin, der etwas unbedarften Schriftstellerin Marge Sherwood, gemütlich eingerichtet und denkt gar nicht daran, dem Wunsch der Eltern nachzukommen. Schnell entstehen in dieser Dreiecksbeziehung Eifersüchteleien, Missverständnisse, Begehrlichkeiten, Pflichtgefühle und viel unterdrückter Ärger. Bekannterweise beendet Tom Ripley das Spannungsgefüge durch den Mord an Greenleaf und den anschließenden Identitätsraub.

Obwohl ich die Geschichte schon lange kenne, habe ich beim Lesen des Romans wieder einmal gezittert und gebibbert, und zwar mit dem Mörder. Die Spannungskurve verabreicht dem Leser ein Wechselbad der Gefühle, von malerischen Entspannungsphasen in touristisch erschlossenen Gebieten Südeuropas bis hin zu Verfolgungs- und Todesängsten und dem Gefühl von überwältigender Erleichterung, wenn sich die Polizei in ihrer Arbeitsweise doch wieder als weniger intelligent als der Mörder erweist. Ich wollte, dass Tom Ripley, der zweifache Mörder, mit allem durchkommt. Warum? Weil er intelligenter und talentierter ist als der verwöhnte Greenleaf-Junge, ihm das Leben nichts geschenkt hat und er früh erkennt, dass sich Leute seiner Herkunft irgendwie durchmogeln müssen, um von der wohlhabenden Gesellschaft akzeptiert und respektiert zu werden und an ihrem Lebensstandard teilhaben zu können.

Der Schrecken, der sich langsam aber sicher in der Leserin ausbreitet, ist das Wissen um die Nichtigkeit des Urvertrauens in die Menschheit. Plötzlich kann jede/r ein Mörder oder eine Mörderin sein. Naivität ist in dieser Welt ein sicheres Todesurteil. Um sich in zu schützen, ist es am besten, sich seiner eigenen Killerinstinkte zu vergewissern.

Angst war während der Entstehung des Romans vermutlich Highsmiths sprudelnde Inspirationsquelle. In späteren Jahren wurde sie zur Alkoholikerin, was ja auch immer Symptom für eine innere, emotionale Sackgasse ist, der Wunsch, eine verkorkste oder traumatisierende Vergangenheit schönzusaufen. Sie war bis zum Ende ihres Lebens sehr produktiv, hat sich aber vom künstlerischen Standpunkt nicht wirklich weiterentwickelt oder neue Wege beschritten.

Es gibt die Anekdote, wonach sie einmal auf eine Party eingeladen gewesen war.

Patricia Highsmith, 1988.

Weil sie keine Lust auf Small Talk mit den anderen Partygästen hatte, steckte sie einen Salatkopf mit Hunderten Schnecken in ihre Handtasche und brachte sich somit ihre eigenen Gesprächspartner zur Party mit, wie sie später erklärte. Das Schmatzen der Schnecken soll wohl noch in einem Umkreis von zwei Metern zu hören gewesen sein.

Aufgrund seiner psychologischen Tiefe funktioniert Mr. Ripley auch noch sechzig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung. Highsmiths Menschenkenntnis und ihr Wissen um die Motive menschlichen Handelns faszinieren auch heute noch. Wäre ich auf der oben beschriebenen Party gewesen, hätte ich trotz der schmatzenden Schnecken versucht, in ein Gespräch mit ihr zu kommen oder vielleicht genau deswegen, wer weiß.

Die Szene, in der Tom beschließt zum Mörder zu werden, ist für mich die eindrucksvollste im Roman. Als er bemerkt, dass Richard seiner überdrüssig wird und nicht mit ihm nach Paris fahren möchte, überwältigt ihn die Erkenntnis ein nur ungebetener Gast zu sein, nicht nur im Leben von Richard Greenleaf sondern auch im Leben aller Menschen, die ihm etwas bedeutet haben, im Leben an sich. Es ist das existentielle Trauma des Kindes, dem die Eltern signalisieren, dass es nicht wirklich gewollt war und ist. Eine Illusion bricht zusammen.

Tom felt a painful wrench in his breast, and he covered his face with his hands. it was as if Dickie had been suddenly snatched away from him. They were not friends. They didn’t know each other. It struck Tom like a horrible truth, true for all time, true for the people he had known in the past and for those he would know in the future: each had stood and would stand before him, and he would know time and time again that he would never know them, and the worst was that there would always be the illusion, for a time, that he did know them, and that he and they were completely in harmony and alike. For an instant the wordless shock of his realization seemed more than he could bear. He felt in the grip of a fit, as if he would fall to the ground. It was too much: the foreignness around him, the different language, his failure, and the fact that Dickie hated him. He felt surrounded by strangeness, by hostility. He felt Dickie yank his hands down from his eyes.

[…] „I want to die“, Tom said in a small voice.

Dickie yanked him by the arm. Tom tripped over a doorstep.

—–

Foto von P. Highsmith: von Open Media Ltd (Open Media Ltd) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

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10 Gedanken zu “PATRICIA HIGHSMITH: The Talented Mr. Ripley (1955)

    1. Also ich bin da eher unmoralisch eingestellt, wenn ich lese. Aber in gewisser Hinsicht sehe ich die Angst, die bei mir während des Lesens entstanden ist, als „Bestrafung“ für die Sympathien, die ich dem Mörder Ripley entgegengebracht habe. Ich hatte tatsächlich den Eindruck, dass die plötzliche Idee, der nette Nachbar, der Kollege, die Postbotin könnten auch Mörder sein, im Schlepptau mit den Sympathien für den Mörder entstanden sind. Das Urvertrauen, das uns in Sicherheit wiegt, wird dadurch unterminiert. Sehr interessanter Prozess, finde ich. Kurzum: Der Roman ist imho ein Meisterwerk.

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  1. Da werde ich mir mal den Carver merken, almathun. Schneckenschmatzen ertrage ich in diesen Zeiten vermutlich eher, als kaltblütige Morde. Von den ganzen Mr. Ripley Romanen gibt es übrigens wunderbar gestaltete und illustrierte Ausgaben in der Folio Society.

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  2. Der Virago Verlag hat als ein Halloween-Geschenk an die Leser Highsmiths Kurzgeschichte „Der Schneckenforscher“ ins Netz gestellt (suchen: „virago snail watcher“). Ich weiß noch, wo Diogenes die ersten Bände von ihr veröffentlichte mit den starken Titelillustrationen von Tomi Ungerer.

    Danke fürs Highsmith schmackhaft machen. Eines Tages …

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    1. Den virago snail watcher werde ich mir merken. Mir kam noch die Short Story von Raymond Carver in den Sinn, als ich von der Schneckenanekdote las, „I can see the smallest things“, o.s.ä. Wie sie, hatte er ja auch Alkoholprobleme, und in der Kurzgeschichte macht sich der „trockene“ Nachbar nachts auf die Jagd nach ihnen.

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