Wien bei mörderischen Temperaturen

DSC_0134Ob Wien im Sommer bei ca. 38 Grad eine Reise wert ist, das muss jede/r bitteschön selbst entscheiden. Für mich steht fest: vielen herzlichen Dank auch, aber im nächsten Jahr dann doch lieber wieder Richtung Norden, nach Finnland oder Island, wo es im Sommer sogar schneien kann, ganz ohne Klimawandel. Herrlich.

Die Museumsbesuche waren trotz äußerer Kernschmelze erfrischend, was nicht nur an den klimatisierten Ausstellungsräumen lag. Meine Favoriten: Die Joel Meyerowitz Retrospektive im KunstHausWien, die Mario Giacomelli Ausstellung im WestLicht – Schauplatz für Fotografie, Lee Miller in der Albertina. Ein weiteres Highlight war ein Besuch in der Praxis des Herrn Dr. Sigmund Freud in der Berggasse 19. Etwas enttäuschend: das Leopold Museum mit der Egon Schiele Ausstellung.

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Joel Meyerowitz gilt als einer der Wegbereiter der New Color Photography in den USA. Auch die Street Photography, die ja zur Zeit unter Hobbyfotografen jeglicher Couleur absolut en vogue ist, hat er in den 60er Jahren maßgeblich mit beeinflusst. Einige Beispiele.

Die Zeiten, als Photographen einem ihre Kamera unter die Nase halten konnten, um dann abzudrücken und CSC_0183kommentarlos zu verschwinden, sind vorbei, das heißt zumindest hier in Europa, wo einen das Recht am eigenen Bild vor solchen Überfällen schützen soll. Was nicht immer funktioniert, wie mir in Wien mehrfach deutlich bewusst wurde, als ich plötzlich in die klickende Kamera eines mit der Zunge schnalzenden Hobbyfotografen schaute. Man ist dann doch zu überrascht, um zu reagieren.

Die Street Photography der 60er und 70er Jahre wäre heutzutage also gar nicht mehr so möglich, was einen etwas wehmütig stimmt, was aber auch zu ihrem besonderen Reiz beiträgt und das historische Vintage Feeling dieser Bilder verstärkt. Die anonymisierten Menschen in der Masse der Großstadt, abgelichtet in Momenten flüchtiger Emotionen oder Gesten, erhalten so wieder eine Persönlichkeit. Oder wie Roland Barthes sagen würde: „Die Photographie des verschwundenen Wesens berührt mich wie das Licht eines Sterns.“

Die Ausstellung zeigt die unterschiedlichen Entwicklungsphasen in Meyerowitz‘ Werk auf, Experimente mit Schwarz-Weiß-Photographie bis hin zu Stillleben im Stile von Cezanne. Was mir persönlich am besten gefällt, ist das hohe Reflexionsniveau auf dem er sich in der Besprechung seiner Bilder und seines Oeuvres bewegt. Er nimmt die Welt so an wie sie ist und sucht nach Momenten mit Bedeutung, die er dann mit Hilfe der Kamera bejaht. So ist jedes Klicken seiner Kamera für ihn ein „Ja“ zum Leben wie es ist. Anders geht die Konzeptkunst vor.   100wasser3 (3)

Weiters tief beeindruckt hat mich die Mario Giacomelli Ausstellung „Gegen die Zeit“ im Westlicht – Schauplatz für Fotografie. Könnte man Meyerowitz Bilder vielleicht mit einem Roman von John Updike vergleichen, so würden die von Giacomelli vermutlich einem Dostojewski entsprechen. Die holzschnittartige Schwarz-Weiß-Fotografie traf mich in Mark und Bein, da geht es um existentielle Themen wie Verlust und Tod, Armut, Arbeit und Krankheit. Einige Beispiele. Vor allem die frühen Bilder aus einem Altenheim und einem Schlachthaus haben tiefe Spuren bei mir hinterlassen. Das sind Bilder aus einer anderen, vorindustriellen, bäuerlichen Welt, die es so wohl heutzutage nicht mehr gibt.

Wien, 2015
Wien, 2015

So, mehr gibt es dann später, hoffentlich. 🙂

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4 Kommentare zu „Wien bei mörderischen Temperaturen

  1. Ah, die tanzenden Priester! Ja, das ist also Giacomelli. Die Photos gefallen mir sehr gut in ihrer Herbheit, erinnern mich an Bücher von Carlo Levi und Federigo Tozzi.
    Mitte April ließ es sich gut flanieren bei 30′ C, aber dafür waren wir in keine Ausstellung gegangen. So ist’s doch auch gut: Fünf Orte der Einkehr, immerhin. Frohes Abkühlen – im Garten? – und schöne Nachlese, auf die ich mich weiter freue.

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    1. Ja, das entspannte Flanieren hat mir gefehlt. So war es doch mehr ein ständiger Versuch, dem Hitzekollaps trinkend vorzubeugen und die Augen nach potentiellen Toiletten offenzuhalten.

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