Juli ZEH: Corpus Delicti (2009)

Der Roman um den es geht.
Der Roman um den es geht.

Dieses Buch hat Nebenwirkungen. Ein totalitärer Staat der Zukunft herrscht qua Gesundheitsideologie, „die Methode“ genannt, über die Menschen. Big Brother hat es sich zum Ziel gesetzt, alle Krankheiten auszurotten und die Erhaltung der Gesundheit der Gesellschaft und jedes Einzelnen aufs Penibelste zu überwachen. Die Überwachung macht weder vor der Privats- noch der Intimssphäre halt. Monatliche Urin- und Drogentests sind abzuliefern, der staatlich verordnete Hometrainer sendet jeden sportlich errungenen Meter an die Behörden, die ZPV (Zentrale Partnerschaftsvermittlung) vermittelt immunologisch kompatible Menschen zur ehe-geschlechtlichen Vereinigung. Wer trotzdem krank wird, hat irgendetwas falsch gemacht, ist womöglich sogar ein Methodenfeind, der bekämpft werden muss.

Außen hui, Innen pfui

Wie sich schnell herausstellt, ist auch dieses Herrschaftssystem nur eine weitere totalitäre Diktatur, die sich als non plus ultra der Unfehlbarkeit den Massen präsentiert, aber hinter den Kulissen kritische Stimmen aufs Brutalste zum Schweigen bringt und sehr viel Energie in die Vertuschung von Fehlern investieren muss. Unter solchen Bedingungen wird der Mensch wieder zum unmündigen Kleinkind, weil es bequemer und ungefährlicher ist, die Klappe zu halten und die Verantwortung an die Autoritäten abzutreten.

Whether ‚tis nobler in the mind

Im Mittelpunkt der Handlung steht Mia Holl, ein weiblicher Hamlet der Zukunft, die unter dem Verlust ihres geliebten Bruders Moritz leidet, der im Gefängnis Selbstmord begangen hat, weil er zu Unrecht eines Mordes bezichtigt wurde. Sie ist depressiv, vernachlässigt so die körperliche Ertüchtigung, die häusliche Blutdruckmessung und die Einsendung der Schlaf- und Ernährungsberichte, und macht sich somit verdächtig. Rational-analytisch seziert sie ihre Situation und Beziehungen in dem System, ist aber des Handelns nicht fähig. Der Umschwung kommt erst, als sie vor Gericht landet und die Unschuld ihres Bruders von ihrem Anwalt Rosentreter bestätigt werden kann. Das System gerät in Aufruhr. Mia Holl entschließt sich, zum Äußersten bereit, die Methode lauthals anzuklagen, und wird somit zur Märtyrerin und Heldin aller kritisch denkenden Menschen.

Die Lektüre des Romans verlief zunächst recht holprig, v.a. wegen des sterilen Erzählstils, der mir in der Buchhandlung als „intelligente Schreibe“ angepriesen wurde.

„Frau Mia Holl,“ korrigiert Lizzie, „geht derzeit nicht arbeiten.“

„Dann hat sie Urlaub?“

„Ach was!“ platzt die Pollsche heraus. „So ein hübsches Kind und immer allein! Die guckt Angebote durch.“

„Wir glauben,“ sagt Lizzie vertraulich zu Kramer, „dass Frau Holl einen Partner sucht.“

Kramer nickt. „Dann will ich mal.“

„Die Mia ist eine Anständige.“ „Das versteht sich doch von selbst, Driss.“ „In einem Haus wie diesem.“

„Danke.“ Kramer nickt in die Runde […] Die Münder bleiben offen, aber stumm, während man Kramer und seinen Beinen und seiner elastischen Gestalt beim Treppensteigen zusieht.

Hier ein kleiner Einblick in meine Randnotizen: „Liest sich wie die Bühnenanweisungen eines Theaterstücks. Kommunikation hat etwas Hölzernes, Theatralisches, als würden die Figuren auf Stelzen spazieren. Gerichtssaal-Atmosphäre: Jedes Wort wird in die Leere der Wahrheit gestellt“. Der Stil passt aber zum Thema, wie sich dann später herausstellte. Bei Wikipedia kann man lesen, dass Corpus Delicti ursprünglich als Theaterstück geschrieben worden ist. Auch das hat vermutlich seine Spuren hinterlassen.

Weiterhin hatte ich anfangs Probleme mit den Charakteren. Die Bruder-Schwester-Beziehung wirkte auf mich sehr idealisiert, kleine Kinder, die sich kappeln, zanken und dann wieder liebend versöhnen, Kinder der Bourgeoisie mit Luxusproblemen. Die Nebenfiguren sind Klischees: naive Tratschtanten im Mietshaus, karrieregeile Selbstdarsteller und die im männlichen Konkurrenzkampf um Aufmerksamkeit und Erfolg unterlegenen Versagertypen. Letztendlich konnte ich mich aber mit diesen Figurenbeschreibungen versöhnen, sind sie doch Symptom und Ausdruck der Gesellschaft, in der sie leben und Teil eines konstruierten Bildes der Zukunft.

Sapere Aude

Der Roman schärft die Wahrnehmung. Ich habe mich dabei ertappt, wie ich nach einigen Tagen der Lektüre meine eigenen Beziehungen nach vorhandenen Ungleichgewichten untersucht habe. Lasse ich mich womöglich, ohne dass ich es ahne, wie ein Kind bevormunden oder respektlos behandeln? Werde ich am Arbeitsplatz mundtot gemacht? Dies gipfelte darin, dass ich gestern unseren Gartenvorstand, der mir mal wieder doof kam, zum ersten Mal ordentlich angeschnauzt habe, was für Überraschung und Empörung sorgte. [Gartenblog] Mia Holl im Hinterkopf, war der so entstandene Eklat schon wieder ein Genuss, Bungee Jumping für Erwachsene. Die (befürchteten) Konsequenzen des Aufbegehrens muss man aushalten können. Auch das gehört zum Erwachsensein dazu. Das Worst Case Scenario in der Diktatur ist die Folter und der Tod. Die Todesangst ist die Angst des erwachten Kindes in uns, das der Unmündigkeit entwachsen will. Somit ist Corpus Delicti ein Roman, der auch vom Erwachsenwerden handelt.

Hier, zum Abschluss, eine meiner Lieblingsszenen aus dem Buch:

„Die Liebe zur Natur ist der Prolog zur Menschenliebe,“ sagt Kramer wie ein Stichwortgeber.

„Moritz liebte alles, was lebt. Auf seinem Nachttisch stand eine Holzkiste, in der er Weinbergschnecken hielt. Er gab ihnen Namen. Bei Nacht hoben die Schnecken mit ihren Häusern den Deckel an. Ihre Langsamkeit, sagte Moritz immer, macht sie unfassbar stark“ […]

„Während er schlief, krochen die Schnecken aus der Kiste und durchs Zimmer. Manchmal erwachte er am Morgen mit einer Schnecke auf der Wange. Ihn machte das glücklich. Ich ekelte mich. Wir teilten uns ein Zimmer.“

„An der Liebe zum Leben ist nichts Ekliges.“

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