THE HARDER THEY COME (2015) – T.C. Boyle

Es gibt Autoren, wie zum Beispiel T.C. Boyle, die wirken so entzückt über das, was Literatur und Sprache bewirken können, dass man sich gerne davon anstecken lässt. Leidet man unter einem „Lese-Burnout“, sollte man sich einen T.C. Boyle genehmigen. Der bringt einen garantiert wieder auf die richtige Spur.

Der in Kalifornien lebende Amerikaner mit irischen Wurzeln schreibt keine Pflichtlektüren mit moralischer Agenda. Er will zuvorderst unterhalten, immer auf hohem Niveau, sprachlich virtuos, indem er kontroverse Themen der Gesellschaft oder Geschichte behandelt und sie bis ins übel riechende Mark auslotet. Er schaut dorthin, wo andere automatisch wegschauen und befördert so die Widersprüche ans Tageslicht, relativiert alles Aufgeblasene, erhellt die nur allzu menschlichen Abgründe hinter der respektablen Fassade der Betroffenheit.

„This was America, this was his turf, where he’d been born and raised, not some shithole in the jungle somewhere. ‘Son of a bitch,’ he said.

In seiner satirisch verzerrten Welt, in der der Mensch und v.a. der „Gut-Mensch“ permanent einer nicht enden wollenden Prüfung unterzogen wird, stellt er das ursprünglich Krude der menschlichen Existenz in dem Mittelpunkt und hält das Ganze als Spiegel dem Publikum vor die Nase. Das macht Spaß und man ertappt sich beim Lesen nicht selten dabei, wie die Lektüre ein zähnefletschendes Grinsen der Schadenfreude auf das Gesicht zaubert. Vielleicht ist dies mit ein Grund, warum T.C. Boyle in Deutschland eine so große Fangemeinde hat. Wenn einem eigentlich zum Heulen zumute ist, bewirkt Schadenfreude wahre Wunder.

In „The Harder They Come“ widmet sich Boyle der Frage, inwieweit der in den USA verbreitete Hang zur Waffengewalt ein Ausdruck der Natur des Amerikaners an sich ist. Hat die gewalttätige Geschichte der Besiedlung des amerikanischen Kontinents einen gewaltbereiten, amerikanischen Charakter geformt? Ist das Zusammenleben in den USA heutzutage immer noch von diesen Erfahrungen geprägt?

Diesen Fragen und der Bedeutung der Frontiererfahrung hatte sich in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts auch der amerikanische Kultur- und Sozialhistoriker Richard Slotkin gewidmet. In „Gunfighter Nation“ und „Regeneration Through Violence“ kristallisiert er die Wirkmächtigkeit des amerikanischen Frontiermythos in Politik und Kultur der USA heraus.

Anders T.C. Boyle. Er interessiert sich zwar auch für diese Fragen, will aber keine wissenschaftliche Hypothese beweisen. Er möchte als Schriftsteller und Künstler im Prozess des kreativen Schreibens, quasi wie in einem Experiment an einer kleineren, überschaubaren Einheit mit Einzelindividuen, ein Drama entwerfen. Die so dramatisierten Ereignisse helfen beim Verständnis auch der gesamtgesellschaftlichen Situation.

Entgegen der gängigen und offiziellen „Melting Pot“ Idee des Amerikanischen Traums, wonach Amerika das Ergebnis einer mehr oder weniger friedlichen Assimilation und Integration unterschiedlichster Einwandererkulturen in den USA ist, beginnt der Roman mit einem aufschlussreichen Epigraph, einem Zitat von D.H. Lawrence: “The essential American soul is hard, isolate, stoic, and a killer. It has never yet melted.”

T.C. Boyle hierzu in einem Interview: „The title ‚The Harder They Come‘ and this quote from Lawrence provide a template (Schablone) for me to paint around. My stories are all organic. It just starts, I see something, and I follow it. So this was important, to have this quote. ‚Is that true?‘, ‚Has it really melted?‘, ‚Are we really like that?‘ That’s the proposition I want to find out about. […] As an artist I don’t have an agenda, I’m not pushing a point of view. I’m exploring something. And I’m inviting you in to explore it with me.“

Und so beginnt der Roman in diesem Sinne mit dem gutsituierten, amerikanischen

Kreuzfahrtschiff

Pensionärsehepaar Sten und Carolee Stenson, die eine Kreuzfahrt an der Küste Mittelamerikas unternehmen, entspannt den Ruhestand genießend, möchte man denken, doch – es wäre nicht T.C. Boyle – kommt alles anders als erhofft.

„There was no slant to the sun – it was just there, overhead, burning, making him sweat, making his underwear bind and the shirt stick to his back as if it had been glued on, and why he’d ever let Carolee talk him into this he’d never know.“

Sten, pensionierter Schulleiter und Vietnamveteran, tötet während eines Tagesausflugs im Dschungel Costa Ricas einen bewaffneten Banditen, der versucht, die Reisegruppe während eines Nature Walks auszurauben. Er wird zum Helden wider Willen, nicht nur auf dem Kreuzfahrtschiff sondern auch in seinem kleinen Wohnort Fort Bragg im nördlichen Kalifornien.

Der Mord, so lässt uns Boyle wissen, geht Sten ganz instinktiv und leicht von der Hand. Eine gezielte, länger anhaltende Armbewegung, das Gewissen professionell ausgeschaltet, erlegt er den Feind im fremden Land. In diesem Moment funktioniert er, der ehemalige Marine, wie geschmiert und reibungslos.

„Es ist keine Frage der Kontrolle, er hat gelernt zu töten. Und das ist wie Schlittschuhlaufen, wie Skifahren, wie Radfahren, man vergisst es nie wieder.“ (T.C. Boyle im Interview)

Nach dieser Einstiegsszene wendet sich der Roman zwei weiteren Charakteren zu: dem Sohn der Stensons, Adam, einem schizophrenen, waffentragenden, drogenabhängigen und mit der Legende des Trapperhelden John Colter identifizierten Mittzwanziger, der in einem versteckten Waldgebiet Schlafmohn anbaut und der 40-jährigen Sara, einer rechten Autonomen, Anhängerin der Gruppe der Sovereign Citizens, die sich nicht an die Gesetze und Verordnungen des Staates hält, da sie meint, mit diesem keinen Vertrag abgeschlossen zu haben. So fährt sie konsequent ohne sich Anzuschnallen, hat ihr Auto nicht angemeldet und ihren Hund nicht gegen Tollwut geimpft.

Sara und Adam, wie Nitro und Glycerin, kommen im Verlaufe des Romans zusammen, aber Adam zieht sich immer mehr aus der Welt zurück bis er ganz in Wald verschwindet, wo eines Tages ein Freund der Familie erschossen aufgefunden wird.

Ein Häuptling der Schwarzfußindianer

Die Erzählung nimmt mehrere Perspektiven auf, u.a. auch die von Adam, der zunehmend in seine Colter-Psychose hineingleitet und sich im Wald eine Giardia-Infektion einfängt, wobei auch einige legendäre Abenteuer des Mountain Man John Colter in die Geschichte eingebunden werden, wie das bekannte Rennen gegen die Blackfoot Indianer. Adam, der sich in seiner Paranoia von „Aliens“ und feindlich gesinnten Chinesen verfolgt fühlt, versucht alles, um es seinem Vorbild Colter gleichzutun.

„Colter didn’t have the shits. They probably didn’t even have giardia back then, let alone the little yellow 400 mg metronidazole tablets they gave you to cure it. What did they have was hostiles, thousands of them, maybe hundreds of thousands, though the white race had done their best to bring those numbers down, what with smallpox and gonorrhea and rum, whiskey, vodka and gin. But here they were, the Blackfeet, terminally furious and flinging Potts’ bloody genitalia at him, and the only issue was not if but how they were going to put him to death.”

T.C. Boyle gelingt es sehr gut, die wechselnden Geisteszustände Adams in der Außen- sowie der Innenperspektive zu verdeutlichen. Dies erinnert ein wenig an den ebenfalls schizophrenen Antisemiten und Ich-Erzähler Simone Simonini aus Umberto Ecos „Friedhof in Prag“, ein Roman, der sich auch mit der Verwechslung von Fiktion und Wirklichkeit in Gegenwart und Geschichte beschäftigt.

Das Thema der Gewalt ist im Roman offensichtlich und wird von allen Rezensenten hervorgehoben. Ich lese den Roman jedoch auch als einen, der das Thema Verlust behandelt. Verlusterlebnisse, die eine Welle an Aggression und Gewalt erst hervorrufen, sei es von Seiten des Staates, von Eltern, illegalen Geschäften nachgehenden Mexikanern, desinteressierten Kindern, gefühllosen Partnern oder ganz einfach der Natur, die uns altern und letztendlich sterben lässt. Wie geht man mit diesen Verlusten um? Gibt es nur die Flucht oder den Angriff? Welche Verarbeitungsstrategien haben friedlichere Gesellschaften entwickelt?

Am Ende des Romans, der immer flott und fesselnd geschrieben ist, hat man vielleicht die am Anfang gestellten Fragen für sich beantwortet, vielleicht aber auch nicht. Eventuell sind ganz neue Fragen hinzugekommen. Etwas verwirrt haben mich einige offene Handlungsstränge in der Erzählung und die zum Teil in der Beschreibung von Frauen vulgärsprachliche Vater-Sohn-Perspektive, die m.E mit dem Rest der Charakterisierung nicht immer stimmig ist. Leserinnen und Leser, die eine klare moralische Stellungnahme suchen, werden vermutlich enttäuscht sein oder sich aufregen, weil sie sich im Stich gelassen fühlen. Es gibt bei Boyle niemals Schwarz-Weiß-Malerei und deshalb auch keine klaren Gewinner und Verlierer der Geschichte.

Die Zitate stammen aus:

1. T.C. Boyle: The Harder They Come 2. PBS NewsHour 3. T.C. Boyle im Interview: RBB – Thadeusz

Bilder:

  1. T.C. Boyle: von Amrei-Marie (selbst fotografiert von Amrei-Marie) [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)%5D, via Wikimedia Commons
  2. Torsten Maue [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)%5D, via Wikimedia Commons
  3. von Harris & Ewing [Public domain], via Wikimedia Commons
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