Robert Seethaler – LESUNG

Robert Seethaler in Lüneburg

Robert Seethaler in Lüneburg

Im Rahmen der LiteraTour Nord 2014/5 besuchte Robert Seethaler am 14.1. (Mittwoch) Lüneburg, um aus seinem Roman „Ein ganzes Leben zu lesen. Die Veranstaltung war komplett ausverkauft und musste kurzfristig vom Heinrich-Heine-Haus in das mit mehr Sitzplätzen bestückte Glockenhaus verlegt werden.

Vorweg: Mein Bericht ist lückenhaft und verzerrt, was der Tatsache geschuldet ist, dass ich mich an diesem Abend, bereits im Halbschlaf befindlich, nochmal auf die Socken gemacht hatte und inzwischen ein paar Tage vergangen sind. Da aber in meiner Schlagwörter & Kategorien-Liste des blogeigenen Statistikteils als beliebtestes Thema der Robert Seethaler immer ganz oben rangiert, setze ich mit diesem Beitrag gerne noch einen nach.

Wenn ich schätzen müsste, würde ich sagen, dass das Publikum zu fast 70% aus pensionierten Studienräten bzw v.a. -rätinnen bestand. Woran erkennt man die? An der gesunden Gesichtsfarbe auch im Winter, einem ausgeschlafenen, bohrenden Blick und dem aufmunternden Lächeln bei gleichzeitig leicht geneigtem Kopfe, wobei hier und da ein goldenes Inlay hervorblitzt. Die nicht kleine Gruppe an jungen Germanistikstudierenden der Leuphana-Universität war vermutlich im Schlepptau vom Prof. Dr. Sven Kramer erschienen, der den Abend moderierte. Der große Ansturm wurde u.a. mit einer zehnteiligen Sendung auf NDRkultur begründet. Dort liest Ulrich Matthes den Roman morgens von 8:30-9:00 Uhr. Ich sag ja, die Pensionäre, die haben’s gut.

Robert Seethaler, der ja für seine Bescheidenheit und Authentizität bekannt ist, 140120152853entschuldigte sich gleich zu Beginn dafür, dass er jetzt aus dem Buch vorlesen werde und zwar 45 Minuten lang. Ich folgte seiner wohl modulierten Stimme mit leicht österreichischem Akzent für ungefähr 10 Minuten und wachte wieder auf, als das Publikum applaudierte. An Seethaler oder der Geschichte lag es nicht, möchte ich hinzufügen.

Im abschließenden Gespräch erklärte Seethaler, dass der Anlass für den Roman eine Erinnerung gewesen sei. Als Junge sei er mit seinen Eltern in den Alpen Ski gefahren und einmal an einem T-Lift den Berg hochgezogen worden. Dabei wurde er durch ein ruhiges Waldstück befördert und die Stille dieses kleinen Wäldchens hätte er nie wieder vergessen. Der Roman sei der Versuch, dieses Bild von der Ruhe in diesem Wäldchen vom T-Lift aus erfahren, in Worte zu fassen. Auf die Frage eines Zuhörers, ob er den Andreas Egger als einen Teil seiner selbst oder wie ein Gegenüber beschrieben habe, antwortete er, dies sei „die gescheiteste Frage“, die er jemals gehört hätte. Seethaler ist kein Ironiker. An die Antwort kann ich mich leider nicht mehr erinnern.

Andreas Egger sei ein starker Charakter, so Seethaler. Er habe einen aktiven Teil. Da, wo andere nur aushalten, könne Egger aktiv mit einer Situation umgehen. Auf eine weitere Frage fügte er hinzu, dass die von ihm in Ein ganzes Leben und im Trafikanten beschriebenen bäuerlichen Lebenswelten in Österreich nicht mehr existierten. Die Antwort war erstaunlich sachlich. Keine Wehmut oder Empörung, vielleicht eher die Akzeptanz der Vergänglichkeit im Leben.

Eine Zuhörerin wollte wissen, warum er als Schauspieler die Hörbücher seiner Romane nicht selbst lese. Seethaler antwortete, dass der Ulrich Matthes das viel besser mache als er. Daraufhin wurde er gefragt, ob er mit seiner Bescheidenheit kokettiere, was er aber abstritt.

2011 lebte der jetzt in Berlin wohnhafte Seethaler für 3 Monate als Heinrich-Heine-Stipendiat in Lüneburg. Er habe in jener Zeit jeden Stein der Stadt kennen gelernt und unter den Städten, die er in seiner inzwischen mehrere Wochen andauernden Lesereise abgeklappert hätte, sei Lüneburg die schönste. Diese Äußerung wurde natürlich mit einem erfreuten Aufjauchzen und kräftigen Applaus des Publikums belohnt. Er habe inzwischen einen kleinen Sohn. Wenn er den Kinderwagen durch die Parks in Berlin schiebe, dann könne er anschließend zuhause einen einzigen Satz zu Papier bringen. Damit beschrieb er seinen Schreibprozess, der ihm alles andere als leicht von der Hand ginge. Interessant fand ich auch den Hinweis, dass er seit seiner Kindheit an einer Augenkrankheit leide. Er habe 14-15 Dioptrien auf den Augen und schon mehrere Augen-OPs hinter sich.

Abschließend gab es noch eine Signierstunde. Auch ich schlurfte tapfer und mit zugeklebten Augen, den Trafikanten und Ein ganzes Leben unter den Arm geklemmt, zur Bühne. Da jede/r in der langen Schlange vor mir angeregt mit Seethaler ein paar Worte zu wechseln schien, überlegte ich mir auf die Schnelle auch etwas und fragte ihn, nachdem ich mit einem freundlich-interessierten Lächeln begrüsst worden war, wann denn der nächste Roman erscheinen werde. „Das ist die falsche Frage!“ erhielt ich als knappe Antwort und war zu müde, um mit „Das ist jetzt aber die falsche Antwort“ zu kontern. Nun ja, anyways, er signierte trotzdem beide Bücher und erklärte sich währenddessen etwas stammelnd damit, dass er momentan wirklich nur wenig Zeit habe. Das Kind, vermute ich mal. Sein Übriges wird wahrscheinlich auch der Druck beitragen, der von seinem Verlag ausgeht, und die Erwartungen des Publikums, den Erfolg von Ein ganzes Leben zu wiederholen. Auf einen Nachfolgeroman werden wir also noch einige Zeit warten müssen, wie es ausschaut.