ALZHEIMER & CO. // Jonathan Franzen – My Father’s Brain (2001)

WIN_20150106_100527My Father’s Brain“ (2001) ist der erste von 14 Essays in der Aufsatzsammlung „How to Be Alone“ (2002) des Amerikaners Jonathan Franzen.

Das verbindende Element der Essays, so schreibt er in seinem Vorwort, sei das Problem, in einer lärmenden, oberflächlichen und permanent die Aufmerksamkeit zerstreuenden Massenkultur, die eigene Individualität und Komplexität zu bewahren. Es geht also um die Frage, wie man es noch schaffen könne, alleine und bei sich zu bleiben, anders zu sein als das, was als „die Norm“ betrachtet werde.

Ein Bezug zu den Erfahrungen mit seinem an Alzheimer erkrankten Vater Earl scheint zunächst nicht unbedingt naheliegend. Er kristallisiert sich aber während der Lektüre langsam heraus. Kämpft das Individuum in einer verflachten Massenkultur um seine Souveränität und Würde, so verlagert sich dieser Kampf des Individuums gegen den fortsschreitenden Verlust der erwachsenen Identität in „My Father’s Brain“ in den Körper des Alzheimerkranken.

Durch die Krankheit regrediert der Geist des Kranken nach und nach auf das Niveau eines Kleinkindes oder Babys. Der schleichende Prozess kann bislang nicht aufgehalten werden. Dennoch gibt es Einzelne, wie Franzens Vater, die sich nicht einfach hängen lassen wollen. Er führt, für sein Umfeld zunächst nicht sichtbar, Kämpfe gegen die Desintegration der geistigen Funktionen. In diesem Kampf gegen den körperlichen Verfall zeige sich, so Jonathan Franzen, seine persönliche Charakterstärke und die immer unabhängig von biologischen Verschleisserescheinungen durchschimmernde Menschlichkeit.

Mental health is a matter of discipline

so die Meinung seines Vaters.

Jonathan Franzen (2010) // von Lesekreis (Eigenes Werk) [CC0], via Wikimedia Commons

Franzen erkennt das Aufbegehren des Vaters gegen das

Vergessen und die Regression erst, als er nach dessen Tod Briefe von ihm findet, die er nicht abgeschickt hat, wie z.B. an seinen 6-jährigen Enkel Nick. Geschrieben hat er sie in einer Phase, als er sich bereits in Behandlung befand. Earl erinnert seinen Enkel mehrfach an die Wichtigkeit des Schreibens und entschuldigt sich dafür, dass er es selbst nicht mehr richtig hinbekomme.

Für Franzen drücken die Briefe das Verantwortungsgefühl seines Vaters aus, den Wunsch sich mithilfe des Schreibens doch noch zusammenreißen zu können, seine Identität und das, was ihn ausmacht für die anderen zu bewahren.

Durch den konzentrierten Akt des Schreibens gelingt es dem Individuum sich gegen die Auflösungstendenzen des Geistes sowie die Reizüberflutung einer marktschreierischen Massenkultur zur Wehr zu setzen. Im übertragenen Sinne ist das Schreiben eine Auflehnung gegen die Reduzierung des Humanen auf die infantile, konsumgesteuerte Bedürfnisbefriedigung im Zeitalter des Mega-Materialismus, der damit den kleinsten gemeinsamen Nenner einer möglichst großen Zielgruppe bedient.

Unlike many of the female inmates [of his nursing home], who at one moment were wailing like babies and at the next moment glowing with pleasure while someone fed them ice cream, I never saw my father cry, and the pleasure he took from ice cream never ceased to look like an adult’s.

Das Pflegeheim wird hier zu einem Zerrspiegel unserer infantil-regredierten Konsumgesellschaft.

In seinem Essay zeichnet Franzen den trotz seiner Anstrengungen nicht aufzuhaltenden geistigen und körperlichen Verfall seines Vaters nach, die Herausforderungen für die Angehörigen und skizziert die damals aktuellen Forschungsergebnisse zur Alzheimer-Krankheit. Die Tragik der Krankheit wird humorvoll durch die Schilderungen der Eheprobleme seiner Eltern und ihrer Schrullen gebrochen, eine Art „comic relief“, für den man dankbar ist. Franzens Pochen darauf, dass das Gehirn eben nicht nur ein „lump of meat“ sei, dass abseits aller medizinischen Diagnosen und biologisch-chemischer Prozesse das Menschliche immer hinter dem Materiellen aufleuchtet, gibt dem in wohltuend klarer Sprache geschriebenen Essay eine weitere, tiefere Dimension, der ihn von anderen Berichten zu diesem Thema untersscheidet.

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