FRAUEN IN DER WILDNIS // Paula Fox – Desperate Characters (1970)

DSCN7916Mein kleiner Kater Emil, braver Junge, der er ist, kommt hier freundlicherweise meiner Bitte nach, für das neueste Blogfoto einen auf „tollwütige Katze“ zu machen, gähnend zwar, aber er macht das viel besser als die Katze auf dem Buchcover des Norton Paperback, finde ich.

Eine vermeintlich tollwütige Katze spielt in Paula Fox‚ 1970 veröffentlichten Roman „Desperate Characters“ (dt. Was am Ende bleibt) eine nicht unwesentliche Rolle.

Das gut situierte und gebildete Ehepaar Otto und Sophie Bentwood führt ein wohlgeordnetes, spießiges Leben in einem langsam vor die Hunde gehenden Stadteil New Yorks. Die erwünschte Idylle des American Dream, in den eigenen vier Wänden zur Perfektion getrieben, bröckelt bereits zu Beginn der Geschichte und führt zu Irritationen: der zunehmende Müll in den Straßen, aufmüpfige Hippiesöhne und -töchter des befreundeten Paares Holstein, ein Nachbar, der nachts ungeniert aus seinem Schlafzimmerfenster pinkelt, schwarze Obdachlose, die sich in die gepflegten Vorgärten übergeben, Steine, die in Fensterscheiben geworfen werden,  und vieles mehr.

There was still refuse everywhere, a tide that rose but barely ebbed. Beer bottles and beer cans, liquor bottles, candy wrappers, crushed cigarette packs, caved-in boxes that had held detergents, rags, newspapers, curlers, string, plastic bottles, a shoe here and there, dog feces. Otto had once said, staring disgustedly at the curb in front of their house, that no dog had deposited that.

„Do you suppose they come here to shit at night?“ he had asked Sophie.

Man hat den Eindruck, das Paar lebe in einer urbanen Frontiersituation, die sich vor allem klassen- und generationenspezifisch manifestiert. Umgeben und bedrängt von eben jenen verrohten Desperate Characters, die der Originaltitel ankündigt, weshalb ich den deutschen Titel mit seiner Konzentration auf die Weltuntergangsstimmung des Paares etwas fehlgeleitet finde, obgleich natürlich beide im Verlaufe der Geschichte von den Entwicklungen nicht unberührt bleiben.

Das Fass läuft für die Bentwoods über, als eine streunende Katze, die an der Terrassentür um Futter bettelt, Sophie in die Hand beisst, und sich Ottos Geschäftspartner, Charlie Russel, von ihm trennt, da sich Otto weigert, die sozial benachteiligte Klientel zu vertreten.

Die Ungewissheit der Bentwoods über den Ausgang der neuen Entwicklungen überschattet den Roman und spiegelt die Verunsicherung angesichts der kulturellen und gesellschaftlichen Veränderungen der späten 60er Jahre in den USA wider, die von ihnen als Vertreter der konservativen middle-class v.a. als krankhafter und bedrohlicher Werteverfall wahrgenommen werden.

Das anfängliche Wegschauen funktioniert schon lange nicht mehr. Die Inneneinrichtung des gemeinsamen Ferienhauses am Atlantik, wohin die beiden flüchten, wurde von Jugendlichen zertrümmert. Jemand hat vor den Kamin geschissen. Sophie nimmt eine Schaufel und schleudert die Hinterlassenschaft weit weg in die offene Landschaft.

It’s like flushing the toilet just before the Titanic goes down,“ he [Otto] said.

Obwohl Paula Fox ihre Charaktere immer ernst nimmt, kann man sich doch des Eindrucks einer untergründigen Schadenfreude angesichts der Herausforderungen, die den beiden gestellt werden, nicht erwehren. Die Bentwoods werden permanent provoziert, steter Tropfen höhlt den Stein, mit dem Ziel, so scheint es, ihre Grenzen auszutesten und sie damit zur Weißglut zu treiben. Oder wie es Jonathan Franzen in seinem Vorwort zur Neuauflage von 1999 schreibt: „Desperate Characters is a novel in revolt against its own perfection.“

Man ahnt, dass die Heilung für die Bentwoods nur darin bestehen kann, die verdrängten Schattenseiten ihres geordneten Lebens anzusehen und auch mal die „Drecksau“ rauszulassen. Letztendlich gelingt die Emanzipation jedoch nur punktuell in einem Wutausbruch Sophies gegenüber einer alleinstehenden Bekannten, die sie als „dumb old collapsed bag“ bezeichnet, worauf diese mit „you filthy cunt“ reagiert, sowie einer ehelichen Vergewaltigung durch Otto. That’s not nice. Tags drauf geht das Leben weiter wie bisher.

Wie auch John Updike in seinen Rabbit-Romanen, maßt sich Paula Fox in ihrem Sittengemälde der amerikanischen Mittelklasse der späten 60er Jahre kein hämisches Urteil über ihre Figuren an. Es erfolgt jedoch keine offensichtliche ironische oder parodistische Brechung der Erzählung wie bei Updike. Fox‘ Figuren unternehmen immer mal wieder kleine Ausbruchversuche aus ihrer langweiligen Existenz, aber letztendlich sind es die ungewollten, beängstigenden „Einbrüche“ in die Komfortzone ihres Ehegefängnisses, die ihnen ansatzweise die Möglichkeit offerieren, ihre Persönlichkeit weiterzuentwickeln.

Abschließend noch ein Wort zur berühmten „Tintenfass-Szene“ am Ende des Romans. Das Telefon klingelt, es ist Charlie Russel, der in verzweifeltem Zustand Otto verlangt, dieser verweigert sich jedoch.

They could both hear Charlie’s diminished voice like an insect cry.

„I’m desperate!“ screeched the round black hole.

‚“He’s desperate!“ Otto shouted. […] His arm shot out and he grabbed it [the ink bottle] and flung it violently at the wall. Sophie dropped the phone on the floor and ran to him. […]

The voice from the telephone went on and on like gas leaking from a pipe. […] They both turned toward the wall, turned until they could both see the ink running down to the floor in black lines.

In seinem Vorwort interpretiert Jonathan Franzen diese Szene so:

„When Otto hurls the ink bottle, both seem to be revolting against an unbearable, almost murderous sense of the importance of their words and thoughts.“

Hm, wie nicht selten bei Franzen, den ich als Schriftsteller durchaus schätze, habe ich den Eindruck, dass mir das jetzt nichts sagt. Genauso wenig wie sein abschließendes Resumé:

„…as if out of  nowhere, I do get the ending – I feel what Otto Bentwood feels when he smashes the ink bottle against the wall – and suddenly I’m in love all over again.“

Schön für ihn.

Mir kam stattdessen natürlich der gute, alte Luther in den Sinn, der, in der Wartburg zu seiner eigenen Sicherheit eingesperrt war und sich während der Übersetzung der Bibel vom Teufel belästigt fühlte, und dann sein Tintenfass gegen die Wand schmiss. So die Legende. Den in Laufe der Geschichte mehrfach nachgezeichneten Flecken kann man heute noch bestaunen. Auf dem Foto ist er leider nicht zu sehen. Was

Die Lutherstube in der Wartburg. (von Ingersoll (Selbst fotografiert) [Public domain], via Wikimedia Commons)

Otto und Sophie jedoch bei der Bekämpfung ihrer Teufel produzieren, sind senkrechte Linien, die sich, wie schwedische Gardinen, in ihrem selbstgewählten Gefängnis langsam herablassen. Und das ist dann auch der abschließende Kommentar der Erzählung. Diese Leute sind nicht bereit für Veränderungen und werden sich auch niemals ändern. Sie lassen sich von ihren Ängsten beherrschen und einsperren.

So, ich habe zwar schon knapp 1000 Wörter erreicht und somit mein Limit fast überschritten, aber ein paar Worte zur Autorin dürfen hier nicht fehlen. In diesem Zusammenhang geht ein „Danke“ an Drittgedanke, deren Blogbeitrag mich veranlasst hat, Paula Fox zu lesen. Paula Fox ist inzwischen 91 Jahre alt und hat in ihrem Leben etliche Romane und noch mehr Kinderbücher geschrieben.

Sie (die übrigens die Großmutter von Courtney Love ist) wird seit ein paar Jahren häufig in einem Atemzug mit James Salter (Burning the Days) genannt. Beide Autoren haben lange Zeit nicht die Anerkennung erhalten haben, die ihnen gebührt. Wie kommt es, dass man ihre Romane jetzt wieder ausgegraben hat, v.a. in Deutschland und Frankreich? Worin liegt ihre Aktualität? Ehrlich gesagt, ich weiß es auch nicht. Ich könnte mir vorstellen, dass in Deutschland das Interesse an Geschichten des Kleinbürgers (s. Lenz und Co.) nachgelassen hat. Es braucht neue Stimmen, um die Ängste einer aufgrund ökonomischer Bedingungen dramatisch dahinschrumpfenden Mittelschicht einzufangen, die ihre Werte und ihren Lebensstandard durch die vermeintliche Islamisierung der Gesellschaft bedroht sieht und nun das Ende des Abendlandes heraufbeschwört. Diese Ängste vor dem drohenden Verlust der Gemütlichkeit und Sicherheit, das soziale Abrutschen in ärmere Milieus, spiegelt der Roman von Paula Fox überzeugend wider.

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Ein Kommentar zu „FRAUEN IN DER WILDNIS // Paula Fox – Desperate Characters (1970)

  1. Danke für die Erwähnung 🙂 Paula Fox im Original zu lesen- das sollte ich mal in Angriff nehmen. Schmunzeln musste ich, da ich gerade den oben erwähnten James Salter lese, da kann ich dann einen Querverweis zu dir machen, sobald ich schreibtechnisch wieder in die Puschen gekommen bin. Übrigens: Schwer beeindruckend, der Herr Kater! Verspätete Neujahrsgrüße von Sonja!

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