ZUMUTUNGEN DURCH JAKOB: Uwe Johnson (1959)

WIN_20141221_101540 (2)– Eine schöne Ausgabe, die Jahrhundert-Edition von Bertelsmann, sagte sie und strich mit der Hand über den unerträglich nazibraunen Schutzumschlag, ummantelt wiederum von einer gelblich befleckten und hundsverbissenen Plastikhülle. Dann wird ihr die Verlegenheitsphrase bewusst, sie schweigt jetzt Kopf gesenkt und nimmt die 8€ entgegen. Der Plastikumschlag habe ein paar kleine Kratzer…

– Ähm, nun ja, den werde ich wohl ohnehin wegschmeißen.

-Ach so.

Ja, wer denkt sich so etwas Geschmackloses nur aus? Seit drei Stunden quäle ich mich durch die ersten 60 Seiten des Buches, und das vor Weihnachten, wo man doch gerne etwas Schönes genießen möchte, z.B. die attraktiv designten Bücher aus dem hiesigen Buchladen, wie „Miss Marple – zwischen Tearoom und Tatort“ oder ein Photoband über die kecken Fräuleins der 20er Jahre, allesamt ein vorweihnachtlicher Augenschmaus, doch was mache ich, gehe stattdessen ins Antiquariat und ziehe den Bertelsmann-Johnson aus dem Regal, nazibrauner Schutzumschlag hinter hundsverbissener Plastikhülle, wie die Leute, die ihre Fernbedienungen in Plastikhüllen wickeln. Es ist mir ein Rätsel. Masochismus vielleicht.

1967 hatte der Oktoberklub es in Worte gefasst. Es war keine positionslose Ab-Weichung erwünscht:

Der Uwe Johnson veröffentlichte den Jakob aber schon 1959. Über den DDR-Reichsbahnbeamten Jakob Abs, der Züge zum Zwecke des sozialistischen Fortschritts sekundengenau dispatched, somit den planmäßigen Betriebsablauf sicherstellt.

Zurück oder Vorwärts, du musst dich entschließen.
Wir bringen die Zeit nach vorn Stück um Stück.
Du kannst nicht bei uns und bei ihnen genießen,
denn wenn du im Kreis gehst, dann bleibst du zurück. (Oktoberklub, Sag mir wo du stehst)

Mutmassungen über Jakob handelt von jemandem, der keine Lust hat (oder sagen wir es etwas tragischer: der nicht kann), dem gewissenerforschenden Kollektiv ständig zu sagen, wo er denn nun steht bzw. auf welcher Seite er denn ist. Which side are you on?

Jakob, der jahrelang dafür gesorgt hat, dass die Züge Stück um Stück nach vorn kommen, keine Sekunde vergeudet wird, wird dann beim Überqueren der Gleise von einem Zug erwischt und getötet. War’s die Stasi? War’s Selbstmord?

Du gibst, wenn du redest, vielleicht dir die Blöße,
noch nie überlegt zu haben, wohin.
Du schmälerst durch Schweigen die eigene Größe,
ich sag dir, dann fehlt deinem Leben der Sinn. (Oktoberklub)

 Reader Response: der Roman ist eine Übung in Frustrationstoleranz aufgrund von Überforderung. Das Buch bestraft den unaufmerksamen Leser und unternimmt gleichzeitig alles, damit die Aufmerksamkeit abschweifen MUSS. „Oh je, ich kann diese Namen hier überhaupt nicht zuordnen.“ „Na, wieder mal was verpasst, he? Selbst schuld! Sechs, setzen!“ „Jawoll!“

Solche Lehrer hatten wer alle mal, nech? Is wahrscheinlich ne projektive Identifikation, Herr Johnson, wat meinse? Aber halt, es geht besser, wenn man sich den Text laut vorliest. Wie gehe ich mit meiner Frustration um? Hammse wat über sich selbst jelernt jetz, wa?

Was den Lesefluss ständig hemmt, ist die Verweigerung üblicher Orientierungstechniken. Modernism comes to mind. Es fehlt eine zielgerichtete Handlung. Der Leser ist gezwungen, Informationen über die 5 W’s: wer, wo, was, wie, warum selbst zu erschließen. Es gibt niemanden, der die Funktion eines ordnenden Erzählers übernähme. Unerläuterte Bewusstseinsinhalte, subjektive Erfahrungen, Ansichten, Beobachtungen.

Sind wir jetzt so richtig dran am Leben? An der Unmittelbarkeit, der Gegenwärtigkeit des Erlebens? Im Vergleich zu was, müsste man hier wohl erst einmal fragen. Und brauchen wir noch mehr davon im Jahre 2015, wo jeder Bungee Jumper, jede Swingerclubbesucherin, jede Kriegsteilnehmerin uns mit einer im Helm oder der Frisur eingebauten Webcam an ihren/seinen Erfahrungen hautnah teilnehmen lassen kann?

Ich habe die Mutmaßungen über Jakob von Anfang bis Ende durchgelesen. In drei Tagen. Herzlichen Glückwunsch. Die Frustration eine ständige Begleiterin, der Ärger und die Ungeduld, aber auch die Freude über die Seiten, wo es dann wieder geordnet weiterging, die Beschreibungen des Autors sich wie kleine Christbaumanhängerchen in der eigenen Vorstellung lustig drehten:

Cresspahls Katze hatte ein graugrünes Fell. Von der Schwanzspitze über den Rücken lief eine schwarze Zeichnung ihr auf den Kopf in immer blässeren Flecken, aber unter der Nase fing sie an, weiss zu sein und war weiss an ihrer Brust und an ihrem Bauch bis zur Unterseite des Schwanzes. Als Jonas am Sonntagmittag in sein Zimmer kam, sass sie auf dem eingesunkenen grünen Polsterstuhl vor dem Tisch sehr würdig aufrecht, so dass Jonas überrascht Guten Tag sagte. Darauf antwortete sie nicht.

Und noch einer. Und damit dann Frohe Weihnachten!

…die Lautsprecher sagten: „Wird Zug vier-fünf-eins angenommen ich wiederhole wird vier-fünf-eins angenommen“ und antworteten sich: „Zug vier-fünf-eins wird angenommen, wenn eins-drei-eins eingefahren ich wiederhole“; Jakob beugte seinen Nacken vor und schaltete auf das Mikrofon um und sagte „vier-fünf-eins sofort annehmen auf Gleis eins, eins-drei-eins Durchfahrt auf zwei“