Robert Seethaler – Ein ganzes Leben

WIN_20141213_142507Es ist schon Ewigkeiten her, dass ich an einem einzigen Nachmittag ein ganzes Buch in einem Rutsch komplett durchgelesen habe. Der etwa 150 Seiten umfassende Roman von Robert Seethaler ist ein solcher Pageturner. Und jetzt die Frage, die mich seit der Lektüre umtreibt: Wie schafft es ein kleiner, unaufgeregter Roman, der das Leben eines österreichischen Seilbahnarbeiters mit Hinkebein beschreibt, so zu fesseln?

Eine Antwort kann ich heute leider nicht anbieten. Vielleicht sind es ganz einfach die „großen Themen“ der Literatur, Leben, Sterben und Tod, die, egal in welcher noch so unspektakulären Geschichte verpackt, uns alle ansprechen? Ich weiß es nicht. Ich werde dieses Geheimnis einfach unangetastet lassen, denn es gehört für mich zur Schönheit des Buches.

Andreas Egger, der Protagonist, wird Ende des 19. Jahrhunderts als vierjährige Waise in die österreichischen Berge zum Großbauern Kranzstocker gebracht, da seine Mutter aufgrund ihres „flatterigen“ Lebenswandels vom „lieben Gott mit der Schwindsucht gestraft und heimgeholt worden war“. Auf dem Kranzstocker-Hof dient er fortan mit seiner jungen Arbeitskraft und als Prügelknabe für die sadistischen Anwandlungen des Alten. Über eine Ochsenstange gehängt, mit dem nackten Hinterteil in die Höhe, drischt Kranzstocker auf den kleinen Jungen ein, den Allmächtigen mit Ausrufen wie „Herrgottverzeih“ als Legitimation für sein Handeln herbeizitierend, bis es eines Tages laut im Körper des Kleinen knackt und sein Bein unwiderbringlich, bis zum Ende seines Lebens, beschädigt bleibt.

Es ist eine archaische, alttestamentarische Welt, die Seethaler heraufbeschwört. Eine Hölle auf Erden in wunderschön, schneebedeckter Alpenlandschaft. Der kalte Schnee und der eisige Winter scheinen die heißen Gefühle der Menschen einzufrieren. Rechtschaffenheit heißt, die Aufgaben und Herausforderungen, die das Leben oder Gott an einen stellt ohne Murren oder Empörung anzunehmen. Sonst straft einen Gott oder seine selbsternannten Stellvertreter auf Erden. Manchmal sind es auch die unbarmherzigen Naturgewalten, die diese Aufgabe übernehmen. Mit dieser Einstellung wandelt Egger fortan durch sein Leben. Er ist zu einer zuverlässigen, ausdauernden und bescheidenen Arbeitskraft geworden.

Die Geschichte reiht bedeutsame Episoden im Leben des Andreas Egger aneinander, so als würde sein Leben noch ein letztes Mal an ihm vorüberziehen. Die Zeit bei Kranzstocker, seine erste und einzige Liebe Marie, die, schwanger, von einem Erdrutsch in den Tod gerissen wird, sein mehrjähriger Aufenthalt in einem russischen Strafgefangenenlager, die Arbeit für die Firma „Bittermann und Söhne“, die das Tal durch den Bau von Seilbahnen touristisch erschließt und letztendlich auch für den Erdrutsch verantwortlich ist, der Marie umbringt, obwohl sich Egger diesen Zusammenhang niemals bewusst machen wird, seine Zeit als Wanderführer nach dem zweiten Weltkrieg in den touristisch erschlossenen Alpen, sowie eine leidenschaftslose Bekanntschaft mit einer pensionierten Dorfschullehrerin.

Eggers komplettes Desinteresse in dieser Szene läutet das Ende des Buches ein. Er hat sich behelfsmäßig in einem alten Schafstall eingerichtet, sucht die Ruhe. Ein rostiger Holzofen und ein Fenster mit Blick auf die Berglandschaft und das weiter unterhalb liegende Dorf mit seinem geschäftigen Treiben, sind die bescheidenen Wohltaten in seinem Leben. Eines Tages trägt eine Gruppe an Skitouristen eine eingefrorene und reichlich mitgenommene Leiche ins Tal, die sie – Ötzi lässt grüßen – in einer Gletscherspalte gefunden haben.

Die Geschichte findet hier wieder Anschluss an die Einstiegsszene des Buches, denn Egger kennt den Mann. Es ist der Ziegenhirte Hörnerhannes, den er mehrere Jahrzehnte zuvor todkrank aus seiner Hütte geholt hatte, um ihn ins Dorf zu bringen. Ein Gespräch über den Tod hatte sich zwischen den beiden Männern entsponnen, wobei ihm der Hörnerhannes über „Die Kalte Frau“ berichtet, als Personifizierung des Todes und Ausdruck der dunklen, mythologischen Vorstellungs- und Glaubenswelt bäuerlicher Kultur im vorindustriellen Europa:

Die Kalte Frau, wiederholte der Hörnerhannes. Sie geht über den Berg und schleicht durchs Tal. Sie kommt, wann sie will, und holt sich, was sie braucht. Sie hat kein Gesicht und keine Stimme. Die Kalte Frau kommt und nimmt und geht. Das ist alles. Im Vorbeigehen packt sie dich und nimmt dich mit und steckt dich in irgendein Loch. Und im letzten Stück Himmel, das du siehst, bevor sie dich endgültig zuschaufeln, taucht sie noch einmal auf und haucht dich an.

Kurz darauf springt ihm der Hörnerhannes von der Trage und rennt auf Nimmerwiedersehen ins Schneegestöber.

Besonders schön finde ich, dass das Buch nicht mit dem Tode Eggers einfach endet, sondern noch eine Szene eingefügt wird, die sechs Monate vor seinem Tod stattgefunden hat, in der sich Egger auf einen Spaziergang in die Berge begibt und sich ein erster Schnee vom Himmel senkt.

So, eigentlich möchte ich jetzt gar kein Resumé schreiben und eine Beurteilung oder Kaufempfehlung abgeben. Das wäre ziemlich unangemessen, finde ich. Vielleicht nur eine Kleinigkeit, die mir beim Lesen auffiel, nämlich, dass einem der Andreas Egger trotz aller Nähe in der Erzählung doch immer bis zum Ende ein Fremder bleibt. Manchmal bin ich geradezu aufgeschreckt, wenn er plötzlich anfing zu reden, was selten genug vorkommt, und seine schroffen Worte einen so ganz anderen Charakter vermuten lassen, als es die Erzählung tut.

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3 Kommentare zu „Robert Seethaler – Ein ganzes Leben

  1. Ein schönes, anrührendes Buch, wie ich (ebenfalls) finde, unspektakulär, von schlichter Könnerschaft. „Archaisch” ist ein gutes Stichwort. Die Geschichte hat aber auch ein menschliches Maß, das für sie einnimmt. Seethaler ist nicht daran interessiert, irgendwelche erzählerischen Tricks anzuwenden, um dieses würdevolle menschliche Maß künstlich aufzuplustern. Wozu auch?

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  2. Für mich ein herausragendes Buch in diesem Jahr. Es hat mich tief beeindruckt und es ist so ganz anders als der Trafikant von Seethaler, aber dennoch mindestens genauso lesenswert. Am Ende kam bei mir ein Resümee heraus, das zeigt zu welchen Gedanken diese Buch einen inspirieren kann – und eben auch zu ganz anderen, wie hier: http://thomasbrasch.wordpress.com/2014/11/24/berge-mehr-wie-z-b-ein-ganzes-leben/

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