AUF DEM SOFATISCH // Meines Vaters Land – Wibke Bruhns (2005)

WIN_20141123_133150Das Buch habe ich gekauft und die ersten Seiten gelesen, ohne zu wissen, wer Wibke Bruhns eigentlich ist. Es ist schon komisch, wie schnell und wie sehr sich das Bild, das man sich von einem Autor oder einer Autorin macht, ändern kann, nachdem in einer freien Minute ein paar Details im Internet recherchiert werden konnten.

Frau Bruhns ist Anfang der 70er Jahre (vor meiner Zeit) als erste westdeutsche Nachrichtensprecherin und später als vermeintliche Brandt-Geliebte in die Schlagzeilen geraten. Als Journalistin berichtete sie in den 80er Jahren für den Stern aus Israel und Washington.

In „Meines Vaters Land“ unternimmt sie eine Annäherung an ihren Vater, Hans-Georg Klamroth, einen SS-Offizier, der im Zusammenhang mit dem Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 einige Monate später hingerichtet wurde. Zu diesem Zeitpunkt war Bruhns 6 Jahre alt.

Ich muss zugeben, dass sich der Einstieg in das Buch sehr zögerlich und ruppelig gestaltet hat. Die ersten Seiten lesen sich m.E. wie der Versuch einer der Vergangenheit nachtrauernden älteren Dame, die guten, alten Zeiten wieder mit Leben zu erfüllen, weil sich die Gegenwart angesichts der Abwesenheit der eigenen Kinder so leer anfühlt. Aber vermutlich ist meine Wahrnehmung nur von Vorurteilen durchdrungen.

Ein Beispiel:

Ich sehe Fräcke – mein Gott, was trug man Frack! – und die aufwendig gestylten Damen und frage mich, warum Else so geschmacklos angezogen war, wo sie doch Suli Woolnough hatte, die Schneiderin, deren Eleganz in Halberstadt ein Exotikum war. Prächtig kostümierte Aufführungen bei Polterabenden und zu Großmutter Gertruds 60. Geburtstag haben sie veranstaltet, …

Es hat drei Anläufe benötigt, um über diese Schilderungen hinwegzukommen.

Interessant wurde es für mich dort, wo Bruhns anfängt die Erziehungsmethoden der Kaiserzeit, die Durchdringung aller Lebensbereiche mit dem Militärischen, zu betrachten und für die Entwicklung der Menschen (v.a. des Großbürgertums) zu hinterfragen.

Den Köder habe ich nun doch noch geschluckt, bevor ich wusste, wer die Autorin eigentlich ist. Beneidenswert finde ich u.a., dass sie aus einem so reichhaltigen Fundus an historischen Quellen schöpfen kann. Bereichernd sind hier v.a. die aussagekräftigen Tagebucheinträge der Geschwister oder Briefe der Eltern an die Großeltern.

Leidenschaft, so der erste Eindruck, war ein völlig unbekanntes Terrain, dem man gerne großräumig aus dem Wege ging. Nur beim Thema „Hitler“ wurden aus den unterkühlten und leidenschaftslosen Deutschen plötzlich wangenglühende, in Führerliebe entbrannte Wahnsinnige.

Welchen Nerv hatte er da getroffen?

Ich lese gespannt.

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3 Kommentare zu „AUF DEM SOFATISCH // Meines Vaters Land – Wibke Bruhns (2005)

  1. Lies weiter, ich habe auch den Köder geschluckt. Wibke Bruhns wabert als verschwommener Nebel in meiner Erinnerung, und ich musste an Dick und Dalli und die Ponys denken, aber ganz daneben – die sind von Ursula Bruns. Soso, angeblich Geliebte von Brandt – ist völlig an mir vorbei gegangen; ich bin gespannt, wenn Du auf ihre berufliche Zeit stoßen wirst und was sie auf diese Laufbahn brachte. Ich lese weiter in „Jahrestage“, was inhaltlich verwandt ist, wenn man bedenkt, dass Uwe Johnson untersucht, wie der Einzelne und die Gesellschaft sich mit Unrecht im Staat verhält und damit umgeht und welche Rolle Schriftsteller und die Presse da haben oder einnehmen.

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