LOST VOICES // In Träumen war ich immer wach

WIN_20141101_091916In den frühen 80er Jahren wurde auf einem niedersächsischen Scheunenboden zufällig ein kleines Notizbuch gefunden. Von einem verwitterten Kunstledereinband umschlossen und mit einem verrosteten Messingschloss versehen, hatte es jahrzehntelang unbeachtet und vergessen dort gelegen. „Poesie“ steht auf seinem Einband.

Die Autorin war schon längst verstorben. Sophia Friederika Hinriette Lemitz, geb. Möller, ein Dienstmädchen aus Lütjenburg. 1908 hatte sie, die damals 64-jährige, in lila Tintenschrift ihre Lebenserinnerungen in diesem Büchlein festgehalten.

Heutzutage würde man sagen, ein solches Leben sei ereignislos gewesen. Da gab es keine Partys, keine Beziehungen zu einflussreichen Personen, keine Reisen in ferne Länder, keinen Mord, keinen Totschlag, keine hochfahrenden Lebensentwürfe. Nein, es gab vor allem Arbeit, schwere Arbeit, es gab eine unglückliche Ehe, und dann gab es da noch Arbeit, ach ja, und Arbeit gab es auch noch. Ein Leben des bescheidenen Dienens und der Entbehrungen. Brav und fleißig sein, war die Devise.

Die Frage stellt sich nun, ob wir uns als Nichthistoriker überhaupt für das Leben eines Dienstmädchens interessieren sollen. Müssten wir uns dann nicht auch für jede Pommesbudenbesitzerin aus Wanne-Eickel und jeden schwäbischen Schulaufsichtsbeamten interessieren? Was hat man mit diesen Leuten gemeinsam? Die Aufzeichnungen haben ja nicht einmal einen literarischen Anspruch, sie wollen nicht schön oder unterhaltsam sein, nicht belehren oder warnen. Sie dienen keiner Selbstdarstellung und Geld war damit sowieso nicht zu verdienen. Also warum?

Ich will mal etwas weiter ausholen.

Rund 110 Milliarden (110.000.000.000) Menschen haben bislang auf unserem Planeten gelebt. Nur von einem Millibruchteil dieser 110 Milliarden sind noch Spuren vorhanden, die über einen Eintrag im Geburten- und Sterberegister hinausgehen, ansonsten haben sich ihre Leben auf immer und ewig in Sternenstaub verflüchtigt.

Man kann es nun so negativ wie Macbeth am Ende seines Lebens betrachten:

Life’s but a walking shadow, a poor player,
That struts and frets his hour upon the stage,
And then is heard no more.

mit der Konsequenz:

It is a tale […] signifying nothing.

Oder doch etwas versöhnlicher, wie es T.C. Boyle am Ende seiner Kurzgeschichte Sic Transit (2012) beschreibt:

„Nun denn, könntest du dich jetzt fragen, wer war er […], and warum sollte er uns überhaupt interessieren? Die Antwort ist einfach: er war du, er war ich, und er war jeder von uns, und sein Leben war wichtig, wichtig in jeglicher Hinsicht, das einzige Leben, das jemals von irgendjemandem gelebt worden ist, und als sich seine Augen zum letzten Mal schlossen […], verschwanden wir alle, und auch alle Lebewesen, und die Erde und das Licht der Sonne und all die Gnade unseres gemeinschaftlichen Daseins. […]. Das war, was er war.“ (von mir aus dem Englischen übersetzt. Im Original natürlich viel schöner.)

Kürzlich habe ich einen Blogbeitrag über die Deutsche Nationalbibliothek gelesen [Jarg’s Blog], die den gesetzlichen Sammelauftrag hat, alles in deutscher Sprache zu sammeln, zu verzeichnen und der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, alles, vom Buch bis zum Blog. Sie ist das „Gedächtnis der Nation“. Leider erfüllt sie diese Aufgabe erst seit rund 100 Jahren.

Weshalb aber, habe ich mich gefragt, gibt es eine solche Sammelstelle eigentlich für (kommerziell) publizierte Medienwerke, aber nicht für unpublizierte Lebenserinnerungen, z.B. zum Zwecke der Pflege der Erinnerung des menschlichen Lebens? Sollte nicht jeder Mensch verpflichtet werden, sich einmal in seinem Leben hinzusetzen, um für die Nachwelt seine Erinnerungen festzuhalten? Und sollten diese Autobiographien nach Vorgabe des Gesetzes dann nicht auch alle gesammelt, katalogisiert und archiviert werden? Einfach auch deshalb, um den Wert des einzelnen Lebens für unsere Gesellschaft zu unterstreichen?

Ich gebe zu, meine Lektüre von Siegfried Lenz‘ Deutschstunde (hier) wirkt noch nach, deshalb mache ich mal einen Punkt.

Lesendes Dienstmädchen in einer Bibliothek, 1915. Edouard John Mentha.

  1989 sind Sophia Lemitz‘ Aufzeichnungen von der Historikerin Gunilla-Friederike Budde in Taschenbuchform veröffentlicht worden und so nun auch in der Deutschen Nationalbibliothek sicher verwahrt. Dem inzwischen verstorbenen Schriftsteller Walter Kempowski ist es zu verdanken, dass dieses Lebenszeugnis überhaupt zugänglich gemacht wurde.

Die Herausgeberin schreibt, dass Sophia ihre Gedanken so zu Papier bringt, wie sie sie mündlich erzählt hätte. Über die Regeln der Grammatik und Zeichensetzung hat sich Sophia hinweggesetzt, u.a. weil sie – und das bedauert sie mehrfach – nur eine lückenhafte Schulausbildung genossen hat. Die Erinnerungen wirken unorganisiert mit großen Gedankensprüngen versehen, so wie es einem inneren Monolog entspricht, an dem Virginia Woolf und James Joyce ihre wahre Freude gehabt hätten.

Hier ein Auszug aus der nicht überarbeiteten Version:

„Ja mein Wunsch war imer in spätteren Jahren wi ich reifer wurde doch Schriftlich vil zu könen mit welche Begirde habe ich mir die Papire aufbewart um wen ich Schreiben wolte darnach zusehen wi die Buchstaben ….“

Keine Angst, die überarbeitete Ausgabe von Frau Budde lässt sich sehr gut lesen, hat aber, vermute ich mal, etwas von der Unmittelbarkeit des Originals verloren.

Ich habe Sophias Aufzeichnungen zeitweise wie einen pikaresken Roman gelesen. Sie ist viel herumgekommen, hat ihre Herrschaften, an die sie ihr Vater vermietet hatte, begleitet, hat in Kiel gearbeitet, u.a. bei einer jähzornigen Gräfin auf dem Schloss Knoop, bei einem Baron Brockdorff in Glückstadt, in Itzehoe und Hamburg, bis sie 1873 einen Zimmermann heiratete („ein so schöner Mensch!„) und somit, wie die meisten Dienstmädchen der Zeit, das Dienstmädchenleben mit dem einer ebenso hart arbeiteten Ehefrau ablöste. Wenn sich kein passender Ehemann finden ließ, wartete nicht selten die Prostitution und das Leben als alleinerziehende Mutter auf die Frauen.

Mit dem schönen aber kriegsversehrten Zimmermann, der sich bald als Alkoholiker entpuppte (das Vaterland hatte ihm seinen Einsatz nie gedankt), wurde Sophia allerdings auch nicht glücklich. Ein unstetes Leben führt sie bis nach Niederkleveez in Ostholstein, immer am Rande der Armut lebend. Da ihr Notizbuch in Heidenau in Niedersachsen gefunden wurde, ist davon auszugehen, dass es sie später zur Arbeit in diese Region verschlagen hat.

Sophias Lebensbericht bricht plötzlich ab, weil das in engen Zeilen verfasste Poesie-Album vollgeschrieben war. Ein zweites Heft wurde nicht gefunden.

Mir haben am besten die Passagen gefallen, in denen die Persönlichkeit der Sophia unter all der schon fast stereotyp anmutenden Anpassung und gottgefälligen Erduldung hindurchschimmert. Wenn sie ihr Leben reflektiert und ins Träumen und Wünschen verfällt, dann ist sie sehr bei sich und authentisch, und es hat den Anschein, als richte sie sich an nachkommende Generationen, die es einmal besser haben sollen als sie:

„Wenn man im Leben ein bisschen mehr Zeit gehabt hätte, so hätte ich doch noch manches gelernt aus mir selber, denn ich hatte auch niemand, der mich dabei unterrichtete. Viele lernen von den Kindern und die Kinder von ihnen. Meines lebte nicht; wenn ich nachdachte, war’s ein Stück von mir.“

Ansichtskarte um 1919.

Ärger oder Wut zeigt sie nicht, auch wenn sie zu ahnen scheint, dass sie sich aufgrund eingeschränkter Bildungsmöglichkeiten, v.a. für Frauen, niemals aus den engen Grenzen ihres entbehrungsreichen Lebens herausarbeiten wird oder konnte. Das Potenzial war da, aber sie lebte leider in der falschen Zeit und der falschen Gesellschaft, wie abermilliarden von Menschen vor ihr und nach ihr, und wer weiß, vielleicht geht es uns heute auch nicht anders, wird uns nur das Gegenteil tagtäglich erzählt, und leben wir an unserer eigentlichen Bestimmung vorbei, richten wir uns, wenn es hochkommt, unsere kleinen Nischen ein, in einer an Gewinnmaximierung, Ausbeutung und Profitdenken orientierten Gesellschaft.

In diesem Sinne hätte Sophia sogar noch mehr erreicht als wir. Denn sie hat ihre Stimme gegen alle Widrigkeiten eingesetzt und über ihr Leben berichtet, sodass folgende Generationen den vermeintlichen Fortschritt an ihren, Sophias, Schilderungen messen können.

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8 Kommentare zu „LOST VOICES // In Träumen war ich immer wach

    1. Danke, das freut mich, dass dieser schon ältere Beitrag von dir wiederentdeckt wurde. Ich finde gerade die Unterschichtenautobiographien schön, weil die das Wunder über die Möglichkeit des Schreibens und Lesens in sich tragen, und weil sie oftmals so „von der Leber weg“ und ohne bürgerliches Pathos berichten.

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  1. amalthun, ein wirklich schöner Eintrag! Ich lese gerade „Jakob von Gunten“, was Robert Walsers Schilderung eines Jugendlebens in einem Bildungsinstitut Anfang 1900 ist und was sehr anrührt. Literarisch ist so viel über einfache, arme und – um es altmodisch auszudrücken – geknechtete Menschen verarbeitet worden, aber es ist noch bewegender, so ein unmittelbares Zeugnis, besonders in seiner Rohform, zu lesen.

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    1. Danke dir! Ja, ich finde auch, dass es ein besonderes Privileg ist, Lebenserinnerungen anderer Menschen lesen zu dürfen, v.a. wenn ihnen das Schreiben ja nicht so einfach von der Hand gegangen ist wie uns heute. Den Jakob von Gunten habe ich mir notiert.

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  2. Ich habe in Archiven Briefwechsel oder Tagebücher aufgestöbert, die da seit Jahrhunderten verwahrt werden und über die noch niemand gearbeitet hat. Aber diese Quellen sind ja nur vergessen, nicht unbekannt. Dass sich hinter einem alten Wohnzimmerschrank eines Herrenhauses eine Falltür öffnet und dort das „Familienarchiv“ einer Raubritterdynastie ausgespuckt wird, darauf warte ich noch 🙂

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  3. Zugegeben: Es sind Berichte über solche Funde und die Hoffnung, selbst mal auf so eine bis dato unbekannte Quelle zu stoßen und sie veröffentlichen zu können, was einen Historiker unter anderem antreibt 😉 Danke für diesen interessanten Beitrag! Beste Grüße, Mirjam

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