Siegfried Lenz, Deutschstunde

Der erste literarische Lost Place ist die „Deutschstunde“ von Siegfried – auch liebevoll Siggi genannt – Lenz aus dem Jahre 1962.

Ich bin keine langjährige Lenz-Connaisseurin, sondern eine, die ihn nie vorher gelesen hat. Ich geb’s zu. Selbst nicht in der Schule im Deutschunterricht. War meine Generation, die „Kriegsenkel“ der 70er, zu spät dran? Ich weiß es nicht. Meine Deutschlehrer, und ich hatte viele, haben uns keinen Lenz lesen lassen. Dafür gab es die Klassiker wie Goethe, Schiller und Lessing rauf und runter. Das einzige Buch, das ich gerne im Deutschunterricht gelesen habe, war Eichendorffs „Aus dem Leben eines Taugenichts“ – da ging für mich erstmals in einer Deutschstunde die Sonne auf. Ein Grund vermutlich, warum ich später nicht Germanistik sondern Anglistik studiert habe.

Anyways, ich schweife ab. Zurück zum Siggi Lenz. Ein belesener Freund lieh mir seine „Deutschstunde“ aus, 11. Auflage, 1971 (s. Photo). Das Buchcover ist, nun ja, nennen wir es mal ‚minimalistisch‘. Wäre so etwas heutzutage eigentlich noch möglich? Da sehen selbst die Ausgaben des Bürgerlichen Gesetzbuches spannender aus.

Die Vermutung drängt sich auf, dass man in den 60er und 70er Jahren Bücher gekauft hat, um sie tatsächlich auch zu lesen und jede/r wusste, dort, wo ‚Lenz‘ draufsteht bekommt man was für sein Geld, überzeugt der Inhalt und nicht das Design. Oder: Einen ‚Lenz‘ im Regal stehen zu haben, war quasi eine staatsbürgerliche Pflicht, so wie manche Leute das Bürgerliche Gesetzbuch in ihrem Regal aufstellen. Das musste dann nicht hübsch sein, sondern gut sichtbar. Wie dem auch sei, Bücher wurden damals noch nicht vornehmlich als dekorative Inneneinrichtungsgegenstände betrachtet, mit denen man im Ikea-Regal bunte Farbakzente setzt oder in der Tradition der „Coffee Table Books“ diese für Gäste des Hauses im ansprechenden Arrangement auf dem Beistelltischchen auslegt.

Ich habe die „Deutschstunde“ nun auch gelesen, und ich habe sie gerne gelesen, auch wenn sie keine wirklich erkennbare Spannungskurve aufweist. ‚Nun,‘ wird manch einer leise in sich hineinmurmeln, ‚hat man so etwas jemals von einer „Deutschstunde“ gehört?‘ Nein, natürlich nicht, und die „Deutschstunde“ liest sich eher wie eine Aneinanderreihung von losen Szenen oder Skizzen, die letztendlich ein Gesamtbild ergeben. Die Leser werden nicht an die Hand genommen und kleinschrittig durch die Handlung geführt, sondern der Erzähler macht hier und da ein Licht an, und erlaubt es den Lesern eine Szene näher zu betrachten, so wie es auch der Künstler Max Nansen tut, wenn er seine Bilder malt.

Das Buch will also gar nicht spannend sein. So wie ein Künstler seine Bilder ausstellt, so präsentiert der Erzähler seine Szenen und Kapitel. Das verbindende Element ist der Konflikt zwischen dem pflichtbewussten Dorfpolizisten Jepsen und dem Maler Nansen, und der Versuch des Erzählers Siggi Jepsen sich im Spannungsfeld der beiden Vaterfiguren erzählerisch zu finden und zu erkennen.

Siggi Jepsen schreibt seine Erinnerungen in der Jugendstrafanstalt Hanöfersand auf. Gleich auf der zweiten Seite stolperte ich über den Namen meines Geburtsortes, Wedel, und erinnerte mich selbst daran, wie bei unseren gemeinsamen Spaziergängen an der Elbe, hinunter zur Schiffsbegrüßungsanlage Willkomm Höft, meine Großmutter mit ausgestrecktem Arm Richtung Elbe und Hanöfersand wies. „Dort drüben,“ informierte sie mich kurz und knapp, wie es ihre Art war, „sitzen die Verbrecher im Gefängnis, und manchmal versuchen sie zu fliehen und schwimmen dann durch die Elbe.“ Es folgten dann Schilderungen von angeschwemmten Jungenleichen, die man am Deich gefunden habe. Meine Großmutter hatte ein ausgeprägtes Faible für Schauergeschichten. Und so wurde die Jugendstrafanstalt auf der Insel in der Elbe zum Teil meiner kindlichen Fantasie. Noch heute, bei meinen seltenen Besuchen in Wedel, schweift mein Blick über die Elbe und zwischen die Containerschiffe auf der Suche nach einem Jungenkopf, der sich aus dem Wasser reckt und durch die Fluten des braunen Brackwassers kämpft.

Wenn ich an meine Kindheit und Jugend in Wedel denke, dann fühlt es sich nicht anders an, als ob man einen nasskalten und kranken Fisch mit Geschwulsten am Kopf aus dem Dreckwasser der Elbe zieht. Damals, während meiner Kindheit, war das Elbwasser tatsächlich so schmutzig und verseucht, dass ich bei jedem Spritzer, den ich über die Gischt der Wellenbrecher ins Gesicht bekam, sofort dachte, nun bald sterben zu müssen. Die Qualität des Elbwassers soll sich ja angeblich in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert haben. Ich hätte als Jugendliche auf jeden Fall darauf verzichtet, über die Elbe in die Freiheit zu gelangen.

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4 Kommentare zu „Siegfried Lenz, Deutschstunde

  1. Hallo almathun,
    was das Cover von „Deutschstunde“ anbelangt, kann ich Margarete zustimmen: besser einfache, klare Linie, statt ein Bildversprechen, das dann nicht eingehalten wird. Und dass Siegfried Lenz sich einer traditionellen Erzählweise ohne Experimente bediente, ist auch bekannt.
    Übrigens ganz schön paradox: die „Deutschstunde“, die in Deiner Deutschstunde nicht vorkommt.

    Und doch eine schöne Reise, wenn man beim Spätlesen an seine sieben Meere der Kindheit zurückkehren kann, während der Stimmungshintergrund des Textes eher beklemmend ist. Die „Deutschstunde“ aus dieser Sicht also einer der „vernachlässigten Schätze aus der Vergangenheit!“
    Ich denke, ich kenne diese norddeutschen Küstenlandstriche hauptsächlich aus der Literatur, nicht zuletzt durch Siegfried Lenz.

    Ich finde das Setting und die Thematik(Lost Places) Deines Blogs sehr ansprechend und genieße den persönlichen, kurzweiligen Stil Deiner Beiträge. Vielversprechend auch die ausrangierten Waggons auf Deinem Header-Bild, vermitteln sie doch die für Literaturbegeisterte lebensnotwendige Melancholie!
    Viele Grüße und weiter gute Ideen beim Bloggen.

    Gefällt 1 Person

    1. Danke dir! Zu den Waggons: die waren eigentlich als ein Provisorium gedacht, bis ich etwas besseres gefunden habe – aber nach deiner Rückmeldung werde ich mir das noch einmal überlegen.

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  2. Na, das ist doch mal ein schöner Beitrag zum Lesen! Weiter so! Ich habe auch in der Schule viel Freude am Taugenichts gehabt und möchte Deutschstunde nach all den Jahren auch gerne m,al wieder lesen. Ja, Hoffmann und Campoe ist durch alle Jahre hindurch und alle kulturellen Wandlungen zum Trotz dem spartanischen Look beim Einband treu geblieben, was mir auch gefällt so.

    Was das Wasser im Fluß betrifft, erinnere ich mich an einem Familienbesuch an der Weser Anfang 70, und der Gedanke, jemandem mit einem Weserwassergetränkten Lappen das Gesicht zu wischen rief Abscheu bei meiner Mutter hervor. Um die Zeit kursierte der olle Otto Waalkes Witz vom Banküberfall mit Pistole, wo der Bankangestellte lachte und meinte, das sei doch nur eine Spritzpistole. Der Bankräuber entgegenete grimmig: Jaha, aber mit Rheinwasser!, worauf dem Banker das Lachen vom Gesicht fiel.

    Gruß von Havel und Spree!

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