„Drachenwand“ und Schmuckschildkröte

Wie eine Schiffbrüchige unter dräuendem Himmel sonnte sich die Schmuckschildkröte auf dem hiesigen Flusse. Es war ein stiller Sonntagmorgen nach einem nächtlichen Platzregen mit Gewitter, wie wir sie immer häufiger erleben.

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„Wenn der Klimawandel erst einmal so weit fortgeschritten ist, dass wir nicht mehr unsere Häuser verlassen können, dann haben wir immer noch genügend Zeit zum Lesen.“

„Es wird dann sein wie im Krieg, der ja auch menschengemacht ist“, und deshalb habe ich Arno Geigers „Unter der Drachenwand“ auf später verschoben, und traf deshalb am Flusse auf die herrenlose Schmuckschildkröte, ausgesetzt von einem gewissenlosen Halter, dem Tode geweiht. Ich wollte sie aber nicht herausfischen und dann ins Tierheim bringen, entspannt und zufrieden wie sie wirkte, so selbstgenügsam. Es war schon ein wundersamer Moment, als ich sie erblickte, die Schmuckschildkröte und ich, die letzten Überlebenden nach der Katastrophe, fast schon paradiesisch. Für einen Moment.

Der Roman „Unter der Drachenwand“ war in der Lage ein gedämpftes Interesse in mir hervorzurufen, v.a. der historische Rahmen. Wie lebt es sich im Krieg, aus der Perspektive unterschiedlicher Charaktere geschildert. Mondsee in Österreich hörte sich nach Urlaub an.

Nach kurzer Zeit fand ich die Charaktere allerdings nur noch wenig spannend, v.a. die männlichen Stimmen präsentierten sich allesamt ähnlich kraftlos. Man fühlt sich als Leserin doch häufig und teilweise allzu lang in die Rolle einer Psychotherapeutin oder Ärztin gedrängt – ohne dafür bezahlt zu werden. Wie oft wünschte ich mir, for fuck’s sake, dass der Jammerlappen Veit doch bitteschön sein Pervitin schlucke und endlich die Klappe hielte. Dann der jugendliche Liebhaber der verschollenen Nanni, um sich selbst drehende Nabelschau, die mit einem schuldbewussten „Und wie geht es dir eigentlich?“ endet. Die im Leide Gleichgeschalteten des Krieges. „Ach, hätt‘ ich dich, dann wär‘ mir wohler.“

Positiv zu nennen ist die Mutter der „Darmstädterin“, die, mitten im Kriegsstress befindlich, doch noch Zeit zum Schreiben von Briefen findet, in denen sie mit sich ringt, kann sie angesichts von Tod und Zerstörung ihren Kindern nicht mehr die nötige Aufmerksamkeit zukommen lassen. Generell finde ich die Frauencharaktere interessanter, auch wenn die Darmstädterin, Mutter mit Kind, in ihrer reduzierten Darstellung als Heimchen für Herd und Bett, die sich v.a. Sex vom Veit wünscht, eine Männerphantasie ist und bleibt, ist es doch ihre Funktion als deutsches Weib, das Wohlergehen des verwundeten deutschen Soldaten zu fördern. Ebenso ist es die Aspirin rauchende Klosterschwester im Zug. Da gefällt mir die Lehrerin doch besser, die den Veit als das sieht, was er ist, nämlich einen Langweiler, wie er im Buche steht.

Der kurze, friedliche Moment mit der Schmuckschildkröte währte nicht lange, denn urplötzlich preschte ein Rottweiler aus der Uferböschung hervor und rannte laut kläffend in den Fluss. „Holger, hierrrrrrrrrr,“ hörte ich eine Männerstimme rufen. Sofort hievte sich das klatschnasse Tier wieder ans Ufer, kippte im Übermut den Baumstamm mit der Schildkröte um, und stand dann direkt neben mir.

„Du schüttelst dich jetzt nicht aus,“ konnte ich gerade noch sagen, als genau das geschah, und der Hund anschließend zu seinem Halter sprang. Dieser war, wie seine Frau, recht großformatig gebaut, breit und hoch wie ein Holzscheit, wobei die Frau etwas schmaler wirkte, wie der eine Teil eines in zwei Teile geschlagenen Holzscheits. Die Linse am Objektiv meiner Kamera war übersät mit Wassertropfen.

„Das war aber nicht höflich, Holger,“ sagte der Halter zu seinem Hunde, scherzend, was bei mir das Fass zum Überlaufen brachte. „Dann nehmen Sie doch Ihren verdammten Köter an die Scheißleine, Sie ARSCHLOCH, das ist nämlich ein Naturschutzgebiet hier, VER-DAMM-TE Scheiße noch mal!“ Die Frau schaute mich an, als hätte ich sie soeben als Vollnazi beschimpft, sprachlos, dass jemand sich nicht mit ihrem Hunde freuen konnte. Ihr Mann nahm den Hund an die Leine, „und schon geht es an die Leine, Holger,“ und stellte sich hinter einen Busch, um in seinem Handy nach der Antwort danach zu suchen, ob dies wirklich ein Naturschutzgebiet war.

So machte ich mich denn, nach einem erlebnisreichen Morgen, auf in Richtung Heimat, und las dort noch ein wenig in dem Roman „Unter der Drachenwand“ weiter, was wenig spektakulär endete.

In the meantime…

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Kurz und knapp:

Ausgelesen und angelesen – In der „Best of“ Reihenfolge.

  1. Charles Eric Maine – The Tide Went Out (1958).

Ein End-of-the-World Science Fiction Roman aus Great Britain. Ein Atombombenexperiment hat die Erdkruste aufgerissen, so dass unser aller Lebenselixier Wasser nach und nach im Innern der Erde verschwindet. Zurück bleibt ein lebensfeindlicher Planet, auf welchem sich die Superreichen und ihre verbündeten Regierungschefs heimlich Richtung Nordpol aufmachen, dem letzten Rückzugsort, um sich und ihre Familien in Sicherheit zu bringen. Damit die einfache Bevölkerung nichts mitbekommt, richtet die britische Regierung eine neue Behörde ein, die sich vordergründig mit den Folgen der Katastrophe beschäftigt, aber im Grunde dazu dient, die notwendige Zeit für die heimlichen Evakuierungen zu verschaffen. Unser ahnungsloser Protagonist arbeitet für die neue Behörde und wähnt sich fälschlicherweise in Sicherheit.

Der Roman ist in einem eher langweiligen, nüchternen Stil geschrieben. Gepackt haben mich aber dennoch die Beschreibungen der Apokalypse und des Überlebenskampfs, die in diesem Genre üblich sind, hier aber durch ihre Dringlichkeit und Anschaulichkeit aus dem Mittelmaß herausragen. Meine Vermutung: Der 2. Weltkrieg hat in diesem Roman seine Spuren hinterlassen. Die Beschreibung des Feuersturms in London beschwört Bilder des Flächenbombardements auf deutscher sowie alliierter Seite. Ob der Autor Soldat war, weiß ich nicht, aber diese Szenen wirken selbst erlebt und nicht nur Second Hand mithilfe von Bildern aus dem Fernsehen oder Kino wiedergegeben, wie es in der Gegenwartsliteratur gängige Praxis ist.

Die Erzählperspektive ist die des Ahnungslosen, der sich auf einem eher einfachen intellektuellen Niveau bewegt und dem sich die wahren Hintergründe und Machenschaften erst langsam erschließen. Dasselbe erzählerische Prinzip wirkt auch in Romanen wie Kazuo Ishiguros „Never Let Me Go“ oder Margarete Atwoods „Handmaid’s Tale“. Diese Perspektive bewirkt ein Gefühl der Fassungslosigkeit und des Ausgeliefertseins gegenüber der Perversion und Gewissenlosigkeit der sich fürsorglich gebenden herrschenden Klasse. Naivität trifft Heuchelei, und in dieser Gegenüberstellung tun sich wahre Abgründe auf. Es ist die Perspektive des Schlachtviehs, entsetzlich und traurig zugleich. Dem Autor ist sie sehr gut gelungen.

2. Ebenfalls sehr gut waren Yasushi Inoues Novelle „Das Jagdgewehr“ (1949), die ich als eine Geschichte gelesen habe, in der es um Fragen der Schuld und der Niederlage geht, nicht auf politischer Ebene, auch Japan hat einen Krieg verloren, aber wiedergespiegelt im zwischenmenschlichen Bereich.

3. …. sowie Katherine Mansfields erste Kurzgeschichtensammlung „In A German Pension“ und Jonathan Franzens Essaysammlung „The End of the End of the World“.

4. Gelesen, aber für nicht besonders gehaltvoll empfunden: Ottessa Moshfegh „My Year of Rest and Relaxation“. Drogenmissbrauch und die Suche nach elterlicher Liebe und Unterstützung unter jungen Erwachsenen in New York kurz vor 9/11.

5. Nicht beendet, da einfach zu banal: Irvine Welsh „Rave“ (yawn! You cunt!), der vulgäre Stil, der durch den Drogenkonsum noch potenziert wird, ist auf Dauer einfach nur einschläfernd und wird zur Karikatur seiner selbst.

6. …sowie Lidia Yuknavitchs hochgelobter Roman „The Book of Joan“, der seine Anhänger finden wird. Für meinen Geschmack enthält er zu viele Versatzstücke aus anderen Science-Fiction Geschichten und dystopischen Romanen. Die Sache mit der „auf die eigene Haut eingeritzten Geschichte als Rebellion“ und Teil selbstbestimmter Identitätszuschreibung kam mir auch irgendwie bekannt vor und hat mich schon damals in den 90er Jahren kalt gelassen. Die Gegenüberstellung zwischen praller Natur und Leiblichkeit der Joan und der kalt-sterilen, entsexualisierten Zukunft auf einem paternalistisch regierten Raumschiff wirkt auf mich zu gewollt, fast kindisch, oder young adult, eben ziemlich unausgereift.

Zum Schluss noch zwei Fotos der wundersamen Raupe des heimischen Jakobskrautbären, auch Karminbär genannt, hier fressend und erkundend am Jakobskraut. Diese Raupe beweist wieder einmal, dass manch ein unscheinbarer Schmetterling einst, bevor er oder sie metamorphosierte, eine coole Raupe war… Das sollte man sich wirklich mal zu Gemüte führen!

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Juli 2019.

MADELEINE L’ENGLE: A Wrinkle in Time (1962)

Der Name der Autorin wird MAD:lin LENG:gl ausgesprochen. Das in den USA überaus erfolgreiche Science Fantasy Kinder- und Jugendbuch aus dem Jahr 1962, das im letzten Jahr erneut verfilmt wurde, diesmal mit Oprah Winfrey und Reese Witherspoon, ist in Deutschland unter den Titeln „Die Zeitfalte“, „Spiralnebel 101“ oder „Das Zeiträtsel“ relativ unbekannt geblieben.

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Das dem Roman um die 13-jährige Meg Murry und ihre schräge aber intelligente Familie zugrundeliegende Thema lotet die Vor- und Nachteile gesellschaftlicher Konformität und menschlicher Individualität aus. Die Eltern sind Physiker, die an einem geheimen Projekt zur Erforschung des „Tesseracts“ arbeiten, einer Methode zur schnellen Reise in Raum und Zeit. Der Vater ist vor fünf Jahren verschwunden. Meg und ihr hochintelligenter Bruder Charles sowie der Nachbarsjunge Calvin versuchen unter Mithilfe dreier skuriller, außerirdischer Damen, den Vater zu finden.

Mehrere Planeten werden dafür aufgesucht, wobei diese sich mehr oder weniger dem sogenannten „Black Thing“, dem Bösen an sich, unterworfen haben. Auch auf der Erde, so erfährt man, findet seit Jahrtausenden ein Kampf zwischen Gut und Böse statt, wobei schon die ersten „Shadows“ wahrgenommen werden können.

Auf dem Planeten Camazotz wiederum, der von dem „Black Thing“ dominiert wird, ist alles und jeder gleichgeschaltet. Ein körperloses Gehirn, auch IT genannt, kontrolliert die Abläufe und versucht, die Besucher unter Einsatz von Hypnose dem Prinzip der Konformität zu unterwerfen. Bruder Charles lässt sich darauf ein, um herauszufinden, wo sich der Vater befindet. Seine Persönlichkeitsveränderung schockiert alle Beteiligten und erst nach mehreren Versuchen gelingt es Meg, in Erinnerung daran, dass die Liebe immer stärker als das Böse sei, ihren Bruder und Vater zu befreien.

Ich hätte das Buch ein paar Jahrzehnte früher lesen sollen, dann hätte es mich vermutlich so begeistert wie damals Enid Blytons „Zauberwald“. So fand ich die seitenlangen Beschreibungen dessen, was die kindliche Seele überrascht, verärgert und besänftigt sowie Gespräche darüber, was richtiges Verhalten, vor allem Erwachsenen gegenüber, ausmacht, auf Dauer etwas ermüdend. Interessant dagegen erscheint der autoritäre Planet Camazotz, auf dem sogar Bewegungsabläufe synchron ablaufen und jeder Abweichler in Isolierungshaft gelangt, um individualistische Tendenzen radikal auszurotten. Ich denke, für Kinder reicht die etwas holzschnittartige Darstellung und Gegenüberstellung der Systeme, und wird zum Denken anregen.

Fragwürdig und allbachen wirken heutzutage die im Roman gemeinhin akzeptierten Rollenerwartungen der frühen 60er Jahre, auch an die Kinder. Obwohl Meg als Mädchen auch mal wütend sein darf, ist es ihr kleiner Bruder Charles, dem vor allem kognitive Fähigkeiten zugeschrieben werden. Hochintelligentes, fünfjähriges Kind, das er ist, spricht er erwachsener als ein Erwachsener. Meg ist es, die ihn am Ende, etwas überstürzt wie ich finde, durch Einsatz ihrer emotionalen Stärke, ihrer weiblichen Liebe, vor dem IT rettet und in den Schoß der Familie zurückholt. Allerdings merkt man dem Roman an, dass bis in die 60er Jahre bestehende Rollenbilder ansatzweise hinterfragt und aufgelöst werden, um damit die Individualisierungstendenzen in den westlichen Gesellschaften abzubilden, was ja letztlich auch Thema des Buches ist.

Fazit: Nett und unterhaltsam. Ein feines Kinderbuch mit einigen interessanten Facetten, die vor allem die unterschiedlichen Gesellschaftsentwürfe auf den einzelnen Planeten betreffen. Es reicht allerdings nicht ganz, um mir die anderen vier Teile in dieser Serie schmackhaft zu machen.

 

NAOMI ALDERMAN: The Power (2016)

I liked it. Allerdings hatte ich mir durchaus etwas mehr erzählerische Power von diesem Werk erhofft. Die Idee – aber das ist sicherlich schon häufig gesagt worden – ist umwerfend. Die Umsetzung ist weniger gelungen, bis auf einzelne Ausnahmen.

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Welche Auswirkungen könnte es haben, wenn Frauen weltweit eine neue körperliche Stärke in Form elektrischer Energie entwickeln, die Männern nicht zugänglich ist, und mit der sie plötzlich und leichterhand quälen und töten können? In diesem Roman kommt es zur globalen Revolution, ein Matriarchat löst die altbekannten patriarchalen Strukturen ab.

Doch diese neue Waffe muss, und das versucht uns Alderman deutlich vor Augen zu führen, wie jede andere Waffe auch (und dazu zählen in gewisser Weise auch die neuen sozialen Medien) in verantwortungsvolle Hände gelegt werden. Nicht alle Frauen können das. Einige verfallen in archaische Strukturen, ziehen in Banden vergewaltigend und tötend durch die Gegend, als gäbe es nichts anderes zu tun. Die Geschichte, die so vielversprechend begann, wird so streckenweise zu einer plakativ dahindümpelnden, sensationslüsternen Dystopie. Vielleicht ist dies aber auch eine Form des Humors, der mir nicht ganz zugänglich ist.

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(Montanasuffragettes [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, from Wikimedia Commons)

 

 

 

 

„Gib einem Menschen Macht, und du erkennst sein wahres Ich.“ Das ist letztendlich die Quintessenz des Romans und gilt für beide Geschlechter.

Wie gesagt, finde ich die Idee sehr vielversprechend. Die Vergewaltigungsszenen sind völlig gerechtfertigt. Ob es sich allerdings um das erste Beispiel vergewaltigender Frauen in spekulativer Literatur handelt, wie es Elaine Showalter in ihrer Rezension in der New York Review of Books behauptet, wage ich zu bezweifeln. Es scheint, wie mir gesagt wurde, einen norwegischen, feministischen Roman aus den 80er Jahren zu geben, in dem erstarkte Frauen ebenfalls Männer töten und vergewaltigen. Titel und Autorin sind mir leider unbekannt. Vielleicht weiß jemand mehr?

Was mir ziemlich auf den Keks ging, ist die sich an den gängigen US-Fernseh- und Kinoformaten anbiedernde Erzählweise, die an wenig ausgereifte „Young Adult Unterhaltung“ aus Hollywood erinnert. Da hat jemand bereits für das Drehbuch geschrieben. Streckenweise oberflächliche und wenig weiterführende Actionhandlungen, in denen die flachen Figuren austauschbar werden, sind nur ein Teil davon. Überhaupt finde ich die Figuren wenig bis gar nicht entwickelt.

In einigen Kapiteln präsentiert uns die Autorin dann aber doch einen ausgereiften Sprachstil mit tiefgründiger, an Margaret Atwoods Handmaid’s Tale erinnernder, Figurenzeichnung. Mir ist vor allem das erste „Allie-Kapitel“ positiv in Erinnerung geblieben. Die Vergewaltigung der jungen Allie durch ihren Pflegevater (Besitzer eines Schlachthofs) hinterlässt den gleichen Nachgeschmack, den die „eheliche Begattungsszene“ in Atwoods „Handmaid’s Tale“ hervorzurufen mag. Hier gelingt es Alderman ohne das Mittel der sensationslüsternen, moralischen Anklage, einfach durch eine schonungslose und dichte Beschreibung, zu schockieren. Davon hätte ich mir mehr gewünscht.

Fazit: Lohnt sich in vielerlei Hinsicht, aber stellenweise im Stile US-Amerikanischer Fernsehserien seicht und trashig.

GRAHAM SWIFT: The Light of Day (2003) [Das Helle Licht des Tages]

Dieser Kriminalroman ist eine von Graham Swifts „one-day-novels“, wie auch die ausgezeichnete Novelle „Mothering Sunday“ (2016), die an nur einem Tag spielen.

Der Protagonist ist ein recht gewöhnlicher Mann, ein aus dem Dienst entlassener Polizist, der sich jetzt in London als Privatdetektiv verdingt. Seine Klientin, eine betrogene Ehefrau, möchte sicherstellen, dass ihr Mann seine Geliebte, ihre ehemalige Schülerin, eine junge Kroatin, die als Flüchtling in ihrem Haus untergekommen war, tatsächlich am Flughafen absetzt und nicht kurzentschlossen mitfliegt. Nach seiner Rückkehr ins heimische Wimbledon, bringt sie ihren Mann um und kommt für mehrere Jahre ins Gefängnis.

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Anders als in klassischen Kriminalgeschichten üblich, ist der Mörder von anfang an bekannt, denn dem Autor geht es weniger um den Mordfall, als um seinen Protagonisten, George Webb, den Privatdetektiv, und dessen Gedankenkarussell, das sich immer weiter ausdehnend um diesen Mordfall dreht, ständig auf der Suche nach der einen objektiven und schlüssigen Erklärung, die nicht nur den Mordfall sondern auch seine eigene, persönliche Geschichte und die aller anderen betroffenen Personen erhellen könnte.

An diesem einen Tag im November 1997, rekapituliert Webb, der wie jedes Jahr das Grab des Getöteten aufsucht und danach dessen Frau im Gefängnis, in die er sich verliebt hat, die Ereignisse um diesen Mordfall. Sein Bewusstseinsstrom schlängelt sich dabei, und dümpelt auch, achronologisch durch das Gewirr seiner Vermutungen über die persönlichen Schicksale der betroffenen Figuren. Die dabei entstehenden Erzählungen sind immer gefärbt von den unterschiedlichsten und nie gleich bleibenden Erinnerungsbruchstücken und auch seinen Abneigungen und Vorlieben für bestimmmte Personen. Es wird deutlich, dass es für ihn nicht die eine, objektive Wahrheit geben kann.

So sehr ich den Roman für seine komplexe Erzählweise und die philosophische Frage nach der Konstruktion von Erzählungen und Geschichte schätze, so bin ich der Hauptfigur doch nach einiger Zeit eher überdrüssig geworden. Die sich ständig um sich selbst kreisenden Gedanken sind auf Dauer ermüdend und irritierend. Geradezu aufgeatmet habe ich in den seltenen Momenten, in denen der Protagonist endlich mal im Hier und Jetzt ankommt, z.B. wenn er den bohrenden Blick eines Kriminalbeamten auf sich gerichtet spürt. Mehrmals wollte ich George Webb als Ergänzung zu seinem Kochkurs einen Meditationskurs empfehlen, damit er lernt, sein Gedankenkarussell EINMAL NUR von außen zu betrachten. Dieser Freiheitsschlag gelingt dem sehr einfachen Mann mit seiner völlig poesiefreien Sprache leider nicht, anders als der weiblichen Hauptfigur in „Mothering Sunday“. Er bleibt ein Gefangener seiner falschen Hoffnungen und lebt in und von der Vergangenheit. Diese Charakterbeschreibung mag sehr realistisch sein, letztendlich kann sie jedoch mein Interesse nicht über 300 Seiten halten.

Fazit: Ein interessant konstruierter Roman, der etwas kürzer sein dürfte, vor allem weil die Hauptfigur für meinen Geschmack zu langweilig ist. Sie fügt sich aber gut in den trüben Schauplatz eines verhangenen Novembertages ein und spiegelt damit realistisch den Geisteszustand einer depressiven Verstimmung mit all ihren Grübeleien wider.

 

 

 

 

DÖRTE HANSEN – Altes Land (2015)

Abgeschreckt von dem Spiegel-Bestseller-Aufkleber, der wie eine rote Giftspinne auf dem Buchdeckel der Taschenbuchausgabe von Dörte Hansens „Altes Land“ der Käufer harrte, hielt ich es für angemessen, mich vor dem durchaus riskanten Kauf zunächst von der Buchhändlerin beraten zu lassen. Wie ich in Erfahrung bringen konnte, ist sie es, die in regelmäßigen Abständen persönliche Empfehlungen in schöner Schreibschrift, denen ich bislang immer zustimmen konnte, an die Regale der fremdsprachigen Literatur anbringt. Dies schaffte das nötige Vertrauen. Ohne große Umschweife fragte ich sie direkt und ungeniert, ob „Altes Land“ in irgendeiner Weise mit dem „Bienenbuch“ von Maja Lunde vergleichbar sei, hinzufügend, dass ich dies bitteschön nicht hoffe, denn letzteres habe mir fast das Weihnachtsfest verdorben. Sie antwortete vorsichtig, die richtigen Worte suchend, dass, nein, dieser Roman deutlich besser sei, von dem Bienenbuch sei auch sie wahrlich nicht überzeugt gewesen. Ich glaubte ihr aufs Wort.

Ich bin erleichtert, mitteilen zu dürfen, dass die Lektüre des Erstlingswerks von Dörte Hansen durchaus erfreulich war und mich überzeugt hat. Eine unterhaltsame, kurzweilige Geschichte mit einem interessanten thematischen Hintergrund, humorvollen Beschreibungen der Charaktere, vor allem in ihrer Art der Kontaktaufnahme und Beziehungsgestaltung. Alles mit großem Wiedererkennungswert und es ist gut, dass die sogenannten „Helikoptereltern“ (ich mag den Begriff nicht, da zu positiv), im Grunde allesamt empathie- und humorlose Egozentriker, in Hamburg-Ottensen lokalisiert, nun endlich erfolgreich und literarisch der Lächerlichkeit preisgegeben wurden. Beim Lesen konnte ich nicht umhin, minutenlang zustimmend zu nicken, und hatte bald einen leichten Krampf im Nacken.

Was ich mir gewünscht hätte, wären etwas tiefgründigere Charaktere gewesen. So konnte ich zum Beispiel den Selbstmord von Karls Mutter Ida nicht nachvollziehen. Sollte er nur eine satirische Überspitzung des „Schwiegermutter“-Themas sein? Man merkt, dass die Autorin zum Ende des Romans versucht, die Entscheidung Hildegards, ihre Tochter nach der Flucht im Alten Land zurückzulassen, zu erklären. Der Schrecken, der das Verhalten der Figuren bestimmt, geht häufig hinter der lustigen Fassade der satirischen Erzählstimme unter. Beschreibungen einer trostlosen Natur scheinen hierfür einen Ersatz anbieten zu wollen. Aber so soll es vermutlich auch sein, denn sonst wäre ein anderer Roman entstanden, keine Satire auf das moderne Familienleben, das von den Geschehnissen der Vergangenheit zwar beeinflusst wird, aber auch deutlich dazu auf Distanz geht. Auktorialer Humor ersetzt Betroffenheit.

Ich hatte den Eindruck, dass die Autorin doch auch gerne in die psychologischen Abgründe ihrer Figuren eingetaucht wäre, es sich jedoch verboten hat. Der satirische Grundton ist vermutlich dem Erstlingswerk geschuldet. Man kann gespannt sein, wie es bei Dörte Hansen so weitergeht.

Was mir der Roman sehr überzeugend deutlich gemacht hat, ist die Tatsache, dass die Aufarbeitung des Krieges und der Vertreibung auch im 21. Jahrhundert noch nicht abgeschlossen ist, sich jede neue Generation mit dem Thema auseinandersetzen muss, will sie sinnvolle Beziehungen führen, auch wenn es inzwischen zum guten Ton gehört, sich von den ganzen „Kriegsgeschichten“ genervt abzuwenden, weil alles ja schon irgendwann mal gehört und gesehen und brauchen wir wirklich noch mehr davon.

Der Satz, der hängengeblieben ist:

„Alles konnte man vergessen, nur wie die Pferde schrien, das vergaß man nicht.“ (S. 224)

Fazit: Hat sich gelohnt.

JOSEPH CONRAD: Heart of Darkness [Herz der Finsternis] (1902)

Joseph Conrad nimmt in Graham Swifts „Mothering Sunday“ (2016) eine prominente Rolle ein. Er starb 1924, das Jahr in dem Swifts Roman spielt, und sein Tod überrascht die junge Protagonistin Jane, die ein großer Fan seiner Erzählungen ist, die sie als Hausmädchen in der Bibliothek ihrer Herrschaften gefunden und tatsächlich auch gelesen hat. Die Chance, Conrad einen Fan-Brief zu schreiben bzw. ihn zu treffen, ist nun dahin, aber das hält sie nicht davon ab, sich ein solches Treffen im Detail vorzustellen.

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Inspiriert von diesen Schilderungen am Ende der Novelle, habe ich noch einmal mein schlodderiges Exemplar von „Heart of Darkness“ aus einer verstaubten Ecke des Bücherregals herausgezogen.

Viel braucht man zu dieser Erzählung, glaube ich, nicht mehr sagen. Die meisten werden sie kennen bzw. ihre modernen Abwandlungen in Filmen wie Coppolas „Apocalypse Now“ und Werner Herzogs „Aguirre, der Zorn Gottes“ mit Klaus Kinski. Es ist die Erzählung des Kapitäns Marlow um eine Reise in die Tiefen des noch unbekannten Afrika, dem Kongo, im Dienste einer kolonialen Handelsgesellschaft. Er soll dort sicherstellen, dass der Nachschub für den florierenden Elfenbeinhandel nicht ins Stocken gerät, vor allem aber soll der Stationsleiter Kurtz, um den sich widersprüchliche Legenden ranken und der sich quasi als brutal und willkürlich agierender Miniaturdiktator dort sein eigenes kleines Reich geschaffen hat, aus dem Verkehr gezogen werden. Diese Reise führt im übertragenen Sinne in das verrohte „Herz“ eines sich zivilisatorisch fortschrittlich wähnenden Europas, dessen Reichtum die brutale Ausbeutung der Kolonien und der dortigen Menschen billigend in Kauf nimmt.

Das erste, das mir beim erneuten Lesen auffiel, ist die sprachliche Nähe zu J.G. Ballard, von dem ich im letzten Jahr drei Romane und einige Kurzgeschichten gelesen habe. Die sprachliche Ausgestaltung passt sich bei beiden Autoren der Tatsache an, dass Realität nicht mehr logisch und eindeutig zu erklären ist. Sprache wird suggestiv, surreal, ständig interpretierend, zweideutig und impressionistisch. Das führt dazu, dass die Lektüre nicht immer einfach ist, weil auch noch Zeitverschiebungen bzw. -überlappungen dazukommen, dies eher bei Conrad und weniger bei Ballard, der doch meistens linear erzählt.

(Beispiel folgt, wenn ich mehr Zeit habe)

Graham Swift wird vermutlich die thematische Frage nach dem, was Wirklichkeit und Fiktion ausmacht, vor allem in autobiographischen Schilderungen, bewogen haben, sich seitenlang am Ende seiner Novelle auf Joseph Conrad zu beziehen. Einzelne Episoden aus dem Leben des ehemals sexuell ausgebeuteten Hausmädchens Jane, die später Schriftstellerin wird, werden von ihr mehrfach neu bewertet. Dies ist Thema nicht nur bei Graham Swift sondern auch in Ian McEwans „Atonement“. Es gibt nicht die eine Wahrheit, deshalb muss die verklärt romanzenhafte Darstellung der Sex-Beziehung zwischen Hausmädchen und dem Sohn der Herrschaften zu Beginn des Buches mit Skepsis gelesen werden, was viele Rezensenten nicht getan und stattdessen die Erzählung als „A hymn to youth on a day of sunshine“ bezeichnet haben. Aber das verkauft sich vermutlich besser.

Fazit: Es hat Spaß gemacht, Heart of Darkness noch einmal zu lesen. Die Erzählung hat ein Licht auf Themen der Novelle „Mothering Sunday“ von Graham Swift und des Romans „Atonement“ von Ian McEwan geworfen. Eine sprachliche Nähe zu J.G. Ballard ist deutlich geworden, wobei die Frage interessant wäre, inwiefern Science Fiction Literatur sprachlich in der Tradition Joseph Conrads stehen könnte.