Umwelttrauer

http://www.scientificamerican.com/article/facing-down-environmental-grief/

Die Konfrontation mit den ersten Auswirkungen des nahenden Klimakollaps führt zu Verlusterfahrungen und Trauer. Ist es diese Ahnung, die den Menschen davon abhält, drastische Maßnahmen im Kampf gegen den Klimawandel einzuleiten?

„Environmental grief“ – indem der Begriff der Trauer vom persönlichen Bereich in einen gesellschaftlichen erweitert wird, erfährt er eine Aufwertung und wird somit zu einem Politikum.

The End of the End of the World (2016) – Jonathan Franzen

The End of the End of the World (2016) – Jonathan Franzen

DSC_0612

Was haben ein Königspinguin und Jonathan Franzen gemeinsam? Beide gehören der großen Gruppe der Tetrapoden an und haben bereits Fuß auf die Antarktis gesetzt. Man könnte noch ergänzen, dass beide auf ihre eigene Art ja auch irgendwie süß sind. Meine Mutter meinte kürzlich, mit Blick auf ein Autorenbild, Jonathan Franzen sei ein „interessanter Mann“. Womit sie recht hat, gelesen hat sie ihn allerdings noch nicht, was aber auch nicht wichtig ist, denn es ging ihr mit dieser zustimmenden Geste darum, an einer gesunden Mutter-Tochter-Beziehung zu arbeiten.

Bevor jetzt die strengen Ornithologen unter den Leser*innen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sich fremdschämend abwenden, möchte ich noch schnell darauf hinweisen, dass auf dem Beitragsbild natürlich kein Königspinguin abgebildet ist, sondern, vermutlich, ein Rotschnabelpinguin (pygoscelis papua), in English: gentoo penguin. Auf jeden Fall hängt die Postkarte schon ein paar Jahre am Durchlauferhitzer im Badezimmer.

In seinem neuen Essay, der vor etwa drei Wochen im New Yorker erschienen ist, zieht es den Autor in die bittere Kälte, ans Ende der Welt, in die Antarktis. Die Frage, weshalb es ihn unter allen Reisezielen der Welt genau dorthin verschlägt, lässt sich für Franzen nicht so leichterdings beantworten. Sein Onkel Walt hat ihm eine Erbschaft hinterlassen, der Gedanke kommt ihm daraufhin spontan in den Sinn.

Aus dieser einen Entscheidung erwächst ein ganzer Strauß an Erinnerungen und eine im Laufe der Geschichte dräuende Vision des Älterwerdens, und zwar nicht nur seines eigenen, sondern auch das der gesamten Menschheit auf ihrem einzigen Planeten. Die Geschichte lässt sich aber auch wie ein Märchen lesen, von einem, der auszog, um das Staunen und Lieben (neu) zu (er)lernen.

Mit Onkel Walts Tod und der Aussicht in die Antarktis zu reisen, taucht ein ganzer Rattenschwanz an Verlusterlebnissen wieder aus der Versenkung auf, die im Leben des Autors bedeutsam waren. Schon beim Kofferpacken in Kalifornien überkommt ihn nicht etwa ein Gefühl der Vorfreude, sondern eher eines der absurden Realitätsferne. Während Franzen drei Wochen lang auf einem Luxusliner einer Lindblad National Geographic Expedition von Argentinien aus Richtung Antarktis, Falkland Inseln und Südgeorgien fährt, fügen sich die Erinnerungen in die  Schilderungen des eher monotonen Ablaufes an Bord nach und nach in die Geschichte ein:

DSC_0130 (4)

Der frühe Tod der Cousine Gail, Walts Tochter, die bei einem Autounfall ums Leben kam; der Tod seiner Tante Irma, Walts Frau, die sich vom Tod ihrer Tochter nie erholen wird, den ganzen Schmerz erst als regredierte Alzheimerkranke durchlebt; Franzens Eltern, beide ebenfalls tot; der nahende Tod der Mutter seiner Lebensgefährtin („The Californian“), die, um ihre Mutter pflegen zu können, nicht mit auf die Reise in die Antarktis kommen will.

„I felt as if we were alone in the world and being pulled forward toward the end of it, like the Dawn Treader [Reisender der Morgenröte] in Narnia, by some irresistible invisible current.“

Franzens Mutter spielt eine besondere Rolle. Sie ist es, die noch zu Lebzeiten von ihrem Sohnemann die Einhaltung familiärer Pflichten einfordert und ihn auffordert, mit den Eltern Onkel Walt und Tante Irma in ihrem sterilen Haus in Dover zu besuchen. Eine kalte Todeszone, wie die Antarktis, erwartet ihn, wobei die Tante wie eine Eiskönigin in ihrem Reich regiert.

… my mother conveyed to me an invitation from Irma and Walt […] along with her own strict instruction that I say yes. In my imagination, the house in Dover was an embodiment of the zone of bad truth im my head. I went there with a dread which the house proceeded to justify. […] My aunt’s hair was pure white and looked as stiff as the curtains.

Es wird schnell klar, dass ihn ein ausgeprägtes Pflichtgefühl, es der Mutter selbst nach ihrem Tode noch recht zu machen, ins Eis treibt. Was der jugendliche Jonathan Franzen noch nicht sehen konnte, was er aber Jahrzehnte später auf seiner Reise in die Antarktis plötzlich erkennt, ist, dass die Mutter vor allem Onkel Walt eine Freude bereiten wollte, mit dem sie kurz vor ihrem Tod noch eine Liebesbeziehung eingeht. Beide waren „optimistic lover[s] of life, long married to a rigid and depressive Franzen.“ Diese Einsicht führt bei ihm zu einer differenzierteren Sichtweise der alten, voller Vorurteile belegten Eiszone der Vergangenheit. Franzen kann Onkel Walt mit den Augen seiner verliebten Mutter betrachten.

He had a heart full of love and had given it to his broken wife, and I was moved not only by the tragedy but by the ordinary humanity of the man at the center of it. […]  I wondered if my mother had seen in him what I’d now seen, and had loved him for it.

Mit dieser neuen Wahrnehmung ausgestattet, ist der Autor offen für die Schönheiten der Antarktis. Diese Entwicklung mutet etwas konstruiert an, aber die Schilderungen der Pinguine und des blauen Eises sind wirklich das Sahnehäubchen des Essays, allein dafür lohnt sich schon die Lektüre.

Sheltered from wind, the water was glassy, and under a solidly gray sky it was absolutely black, pristinely black, like outer space. Amid the monochromes, the endless black and white and gray, was the jarring blue of glacial ice.

In seiner Beschreibung eines Kaiserpinguins, der auf dem Schiff für große Aufregung sorgt, beweist Jonathan Franzen, dass Worte die Schönheit der Natur oftmals eindrucksvoller wiedergeben können, als die immer wieder gleichen Hochglanzfotos, die bis zum Erbrechen mit Photoshop aufpoliert werden, und für die das National Geographic Magazin ja auch hinlänglich bekannt ist.

And here was an image so indelible that no camera was needed to capture it: the emperor penguin […] faced the press corps in a posture of calm dignity. After a while, it gave its neck a leisurely stretch. Demonstrating its masterly balance and flexibility, and yet without seeming to show off, it scratched behind its ear with one foot while standing fully erect on the other.

Die – ich nenne es einfach mal – „Märchenthematik“ entwickelt sich eingebettet in den schlaglichtartig und anekdotenhaft wiedergegebenen Erlebnissen auf dem Luxusliner. In ihrer Gesamtheit spiegeln sie die gedämpfte Monotonie wieder, welche Ergebnis eines immer wieder auf’s Neue abgespulten Unterhaltungsprogramms für wohlhabende Erwachsene jenseits der 50 ist, die die Verantwortung abgeben, sich umsorgen lassen wollen und somit freiwillig in die Regression begeben. Thomas Manns „Zauberberg“ lässt grüßen.

DSC_0135Das Reiseschiff wird somit einerseits zur Kinderstube, andererseits aber auch zu einem Altenheim auf See. Der Essay liefert einen Vorgeschmack auf einen Altersruhestand in geistloser Langeweile, wie er für geistig aktive Menschen, die es auch bleiben wollen, nur ein Graus sein kann, aber doch irgendwie von der Mehrheit der Menschen herbeigesehnt wird.

In einem Exkurs zur Ökologie der Antarktis und den Auswirkungen des Klimawandels auf diese Region, entwirft der Autor jedoch, jenseits aller persönlichen Visionen des eigenen Älterwerdens, noch ein größeres Bild, eine durchschimmernde Vision vom Schrecken einer zukünftigen Welt, die sich der Mensch ganz nach seiner eigenen Logik selbst erschaffen hat. Diese Welt ist real gekennzeichnet durch das Abschmelzen der Eiskappen, das Verschwinden ganzer Arten und Lebensräume, bar aller Vielfalt, Überraschungen und liebenswerter Andersartigkeit, eine Leere, ein Nichts, eine neue Todeszone.

Die Zukunft der Menschheit im Schatten des schleichenden Klimawandels liegt in greifbarer Nähe. Vielleicht braucht es eine besonders ausgeprägte Sensibilität, um die Folgen bereits jetzt schon wahrzunehmen, aber leugnen lassen sie sich nicht mehr. Jonathan Franzen besitzt diese Sensibilität, zeigt in seinem Essay aber auch, dass die dem modernen Menschen eigene, passive Konsumentenhaltung letztendlich dafür sorgt, dass die notwendig drastischen Maßnahmen nicht umgesetzt werden können. Eine unbequeme Wahrheit kann so keine Veränderung herbeiführen, man flüchtet vor ihr, z.B. auf eine Arche Noah für weiße, wohlhabende US-Amerikaner in der zweiten Lebenshälfte.

Trotz (bzw. wegen) des pessimistischen Grundtenors ist der Essay von Jonathan Franzen das beste, was ich seit langem gelesen habe, und er erinnert die Post-Babyboomer-Generation an ihre besondere Verantwortung, als letzte Generation mit der Möglichkeit, auf diesem Planeten das Ruder doch noch herumzuwerfen, damit der alte Kahn nicht absäuft.


Bilder:

  1. Beitragsbild zeigt eine Postkarte mit einem Bild von A. Schumacher
  2. Alle anderen Bilder von almathun

 

 

 

 

peregrinus, teil 2 (1967)

peregrinus, teil 2 (1967)

Die Schweinegrippe hat ihre Klauen gelockert. Es war meine erste, echte Grippe, und die Erkenntnis, die in den letzten drei Wochen in mir gewachsen ist, lautet, dass die Menschheit nicht gesünder sein kann als der Planet auf dem sie lebt. Die Menschheit hat die Ärzte, die sie verdient. Unser Planet hat keinen Arzt, der gegen seine größte Plage zu Felde ziehen würde. Ist das jetzt gut oder schlecht?

John Alec Baker (1926-87), dessen Buch „Der Wanderfalke“ (engl. The Peregrine) 1967 WIN_20160305_143148erschienen ist, starb an einem Krebs, der durch ärztlich verabreichtes Codein und injizierte Goldverbindungen, mit denen seine rheumatoide Arthritis behandelt wurde, verursacht worden war. In den 60er Jahren streifte er einen Winter lang durch das ostenglische Essex und schrieb ein Tagebuch, in welchem er mit ausgeprägter Präzision seine Beobachtungen der Avifauna festhielt. Die Landschaft, die er wie ein Maler in allen Farben und Formen beschwört, dient als mythische Kulisse, in welcher er sich mal zu Fuß, mal mit dem Fahrrad auf die Suche nach dem Wanderfalken begibt.

 

DSC_0223 (2)Ich habe das Buch gelesen, weil sich im Dezember letzten Jahres vor meinem Wohnzimmerfenster zwei Wanderfalken am Turm einer Backsteinkirche niedergelassen haben. Ich sehe und höre sie jeden Tag, sehe sie fliegen und ruhen, höre sie krächzen, wobei ihr Ruf in jeden Winkel des Backsteingemäuers dringt, die Stadttauben aufschreckt und die Elstern vertreibt. Sie haben die Wildnis abgelegener Feldmassive in die platte Stadt gebracht.

Mehr wird über ihren Wohnort nicht preisgegeben, denn leider gibt es zu viele waffentragende Vollidioten, die sich Jäger nennen, und die alles abknallen, was sich Greifvogel nennt, auch wenn es das letzte Tier seiner Art wäre. Zur illegalen Greifvogelverfolgung gehören auch Vergiftungen mit Taubenködern. Dies kennt man aus anderen europäischen Städten. Vor ein paar Wochen ist in der Nähe des niedersächsischen Neuhaus bei Cuxhaven ein Seeadler beim Bau seines Nestes abgeschossen worden. Hier geht es aber höchstwahrscheinlich um den Kampf von Windkraftbefürwortern gegen Umweltschützer, denn schon ein einzelnes Seeadlernest kann den Bau weiterer lukrativer Windkrafträder in einem Umkreis von mehreren Kilometern unterbinden. Dem widersetzt sich so mancher, das dicke Geld riechende, kleine Deichgraf auf seine eigene, ihm wohlvertraute Art und Weise. Aber so wie ein Mensch lebt, so wird er auch sterben. Das ist eine alte Weisheit, die sich schon oft bewahrheitet hat.

Die Gefahren, denen Greifvögel ausgesetzt sind, gibt es, seit es Menschen gibt. Bakers

seney_national_wildlife_refuge_-_1963_28540445180129
1963, zwei tote Adler. Vermutlich mit die ersten Greifvögel, die nach der Veröffentlichung von Rachel Carsons Buch „Silent Spring“ auf Pestizide untersucht wurden.

Wanderfalke erschien ein paar Jahre nach der einflussreichen Studie „Silent Spring“ (dt. Der Stumme Frühling) von Rachel Carson (1962), in welcher die Autorin die verheerenden Folgen von gedankenlos ausgebrachten Pestiziden, v.a. DDT, in der Landwirtschaft beschreibt. Dieses Buch hat die Umweltbewegung in den USA maßgeblich initiiert und beeinflusst wie kein anderes. Hierzulande ist Glyphosat nicht erst seit ein paar Wochen in aller Munde, v.a. bei deutschen Biertrinkern, aber kann ein Skandal wie dieser heutzutage überhaupt noch ein Umdenken der Menschen bewirken?

Ich befürchte, dass es nicht möglich ist, denn der Bauer fürchtet nur das, was er sehen kann. Skandale existieren nur so lange, wie sie von den kurzatmigen Medien unterhalten werden. Ängste und Sorgen werden dank der Technologisierung des Lebens schnell weggezappt, und erst die Krebsdiagnosen lassen die aufmerksamkeitsgestörten Mitglieder der Spaß- und Erlebnisgesellschaft aus allen Wolken fallen. Dann ist es aber zu spät. Nach den Ursachen forschen die Wenigsten, weil sie es auch nie gelernt haben. Sie haben keinen Zugriff mehr auf die Realität. Der nahende Tod lässt sich nicht löschen, das Leben nicht upgraden oder downloaden. Sie sterben einfach. Vermutlich mit ihrem Smartphone in der Hand, den eigenen Tod bei Twitter postend.

Die Wanderfalken standen in den 60er und 70er Jahren kurz vor ihrer Auslöschung, auch in Großbritannien. J.A. Baker schreibt:

Spring evening; the air mild, without edges, smelling of damp grass, fresh soil, and farm chemicals.There is less bird-song now.[…]

Few winter in England now; fewer nest here […] the ancient eyries are dying.[…]

We are the killers. We stink of death. We carry it with us. It sticks to us like frost. We cannot tear it away.

Das auf die Felder ausgebrachte DDT bewirkte eine Störung des Kalkhaushaltes der Vögel, so dass deren Eierschalen immer dünner wurden. Da die meisten Wanderfalken in Felsen oder auf Steinen brüten, kann man sich die Auswirkungen einer dünnen Eierschale auf das Gelege gut vorstellen. In Norddeutschland war die Wanderfalkenpopulation bereits ausgestorben. Nur noch in einigen süddeutschen Bundesländern gab es eine handvoll Brutpaare. In den späten 70er Jahren wurde DDT in den meisten europäischen Ländern verboten. Dank des unermüdlichen Einsatzes von Umweltschützern hat sich die Population der Wanderfalken wieder erholt und stabilisiert. Allerdings sind sie immer noch gefährdet, denn der jetzige Bestand hat sich aus dem genetischen Pool des kleinen, in den 70er Jahren übrig gebliebenen Tierbestandes entwickelt. Dieses Prinzip des „genetischen Flaschenhalses“ führt dazu, dass kleinste Veränderungen der Umwelt wieder zu einer Gefährdung der gesamten Population des genetisch nun fast identischen Wanderfalkenbestandes führen können.

Ein Buch, wie das von Baker, wäre heutzutage nicht mehr möglich. Seine ausdauernden, sich wiederholenden Landschaftsbeschreibungen wären ein absolutes No-Go für jeden Verlag, der Bücher nicht nur drucken, sondern auch einem erlebnisverwöhnten Publikum verkaufen möchte. Es passiert kaum etwas. Hier und da ein aufgeschreckter Vogelschwarm, dort ein jagender Wanderfalke.

Three curlew (dt. Brachvögel) landed on the mud, and stepped delicately to the water’s edge. They were uneasy, moving their heads from side to side like dear suspicious of the wind. They were coloured like sand, and mud, and shingle, and the sere grass of the saltings. Their legs were the colour of the sea.

Die zähe, meditative, über 200 Seiten lange, Beschreibung der Landschaft und Avifauna wirft die Leserin auf die Frage nach dem Sinn menschlichen Handelns in dem Rahmen, den die Natur für uns gesteckt hat, zurück. Sehr oft erschöpft sich die Beobachtung des Autors in ihrer eigenen kreativen Verwandlung des Gesehenen, metaphernüberladen, und ein Reflexionsniveau auf abstrakterer Ebene wird nur ansatzweise erreicht. Aber meine Kritik ist nur ein Hilfeschrei angesichts der Hartnäckigkeit des Autors, der jeden menschlichen Eingriff in das Beschriebene konsequent ausklammert und im Keime erstickt. Seine Landschaft ist ein Schutzgebiet und der Mensch hat hier weder Spaß noch Sinn zu suchen, denn beide Anliegen können nur die Zerstörung des Ursprünglichen bedeuten.

DSC_0249
Peregrine Kill, 2016

Dennoch sind seine genauen Beobachtungen für alle ornithologisch interessierten Menschen, und diejenigen, die mit offenen Augen durchs Leben gehen, ein gefundenes Fressen, enthalten viel Wissenswertes aus erster Hand erzählt, Informationen nach denen man Jahre in Fachliteratur suchen könnte ohne fündig zu werden. So lese ich, dass Wanderfalken v.a. die Vögel jagen, die es in einer Gegend am meisten gibt, aber diese Beutetiere müssen eine weiße Markierung haben. Auf meinem Rundgang um die Kirche fallen mir verstreute, weiße Federn auf, die überall im Gras liegen, definitiv Taubengefieder. Hier liegt ein Elsterflügel mit einer weißen Flügelbinde, dort das abgenagte Brustbein einer Ringeltaube mit blutgetränkten, ehemals weißen Federn bestückt. Barker nennt diese Überbleibsel „peregrine kills„, und mit akurater Wissenschaftlichkeit zählt und benennt er jedes erbeutete Tier, fügt es ein in eine Opferliste, die alle paar Tage erneuert wird.

Seine Schilderungen haben in ihrer Präzision etwas Soldatisches an sich. Jede DSC_0208 (2)(Feind-)bewegung wird registriert, v.a. am Himmel, als wolle er nicht von einem plötzlichen Luftangriff (der Deutschen?) überrascht werden. Gleichzeitig bewegt er sich in seinem kleinen Areal und beschreibt dieses als unversehrte, pastorale Landschaft.

The sunlit orchard was very quiet, laned with pale amber light. The only sounds were the songs of thrushes and blackbirds, muted by distance, the occasional call of a moorhen, the creak and rustle of twigs in the wind.

The only movement was the silent threshing of the hawk’s long wings beating through the sunlit aisles. Silent to me; but to mice in the short grass, to partridges hidden and dumb in long grass und the trees, his wings would rasp through the air with the burning whine of a circular saw. Silence they dread; when the roaring stops above them, they wait for the crash.

Just as we, in the war, learnt to dread the sudden silence of the flying bomb, knowing that death was falling, but not where, or on what.

In the mellow sunlight of the warm unclouded spring, the peregrine shone and blinked behind the branches of the apple tree like a setting sun.

Das Drama des Krieges spielt sich wieder in den Lüften ab, die Angst sitzt aber nicht dem Menschen, sondern den Beutetieren des Wanderfalken in den Knochen. Baker identifiziert sich mehr und mehr mit dem Falken, dem Angreifer. Als Leserin kann man nur spekulieren, inwiefern vergangene Kriegserfahrungen des Autors sich nun in der Naturbeobachtung projiziert wiederfinden und somit aus der Distanz heraus emotional zugänglich gemacht wurden.

Das Schweigen und die Stille bedeuten den nahenden Tod. So war es nicht nur während der Luftangriffe der Deutschen, sondern so ist es auch wieder in den 60er Jahren, wenn Vögel, Bienen und andere Insekten nicht mehr zu hören sind, weil das Gift auf den Äckern sie zum Schweigen gebracht hat. In den 60ern war es DDT, heutzutage, im 21. Jahrhundert sind es Glyphosat und Neonicotinoide.

Wollen wir, die Konsumenten, das ändern? Nein, denn es macht ja keinen Spaß, sich mit diesen Informationen zu beschäftigen. Zweitens soll ja alles geil billig bleiben, denn teuer einzukaufen macht keinen Spaß mehr. Und drittens ist es ja nur von Vorteil, wenn man bei 200 kmh auf der Autobahn im Sommer nicht ständig klebrige Insekteninnereien von der Windschutzscheibe wischen und kratzen muss. Macht ja auch keinen Spaß, scheiß Viecher.

Bakers „Wanderfalke“ ist ein trauriger aber gefasster Abgesang auf eine vormals unversehrte und in ihrer Artenvielfalt lebendige Natur. Robert MacFarlane schreibt in seinem Vorwort von der „Atmosphäre eines Requiems“, die die Leser auf jeder Seite umfängt. Wer schon einmal im Frühling unter einem blütenschweren Apfelbaum gesessen hat, und sich über die anhaltende Totenstille in der Baumkrone gewundert hat, weiß, was gemeint ist.

silberreiher28casmerodius_albus29
Silberreiher

Und was bleibt, sind die Erlebnisse, die man jetzt noch in der Natur sammeln kann. Vor ein paar Wochen habe ich durch mein Fernglas hindurch einen Silberreiher durch ein flaches Gewässer waten sehen. Ganz langsam, in Zeitlupe, ab und zu verfing sich der Wind im leuchtend weißen Gefieder, das an dem Vogel anlag, so als hätte eine Mutter ihrem Kind die Haare liebevoll gekämmt und getätschelt. Als der Reiher sein Bein hob und glänzende Wassertropfen herunterfielen, ging so eine Ruhe von diesem Bild aus, dass mir der Atem stockte. Das war eine in ihren anmutigen Details verzaubernde Ballettvorführung der Natur und ich hatte das Glück ihr beizuwohnen.

Ganz anders als das Herumgehoppse des Fleischklopses Mensch, Wichtigtuer auf der Bühne des Lebens, die er sich selbst erst erschaffen musste, denn die Götter sind ihm, aus gutem Grunde, nicht gewogen. So war es schon immer, und so wird es leider auch bleiben.

—–

Bilder:

Zwei tote Adler: von Seney Natural History Association [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)%5D, via Wikimedia Commons

Silberreiher: von Falosakitas (Eigenes Werk (Originaltext: eigene Arbeit)) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

alle anderen Bilder: almathun, 2016

John Updike – S. (1988)

John Updike – S. (1988)

DSC_0002Bevor sich das Jahr 2015 seinem verdienten Ende zuneigt, habe ich noch schnell an meinem SUB gearbeitet. John Updikes „S.“ lag schon mehrere Monate neben der Ikea-Standlampe und ich möchte das Wohnzimmer vor dem 1.1.2016 einfach sauber haben. Einen ersten Lektüreversuch gab es vor ein paar Monaten bis Seite 45. Jetzt habe ich es doch noch zuende geschafft.

S. ist ein Briefroman und wurde zu einer Zeit geschrieben, als man tatsächlich noch Briefe schrieb, um anderen Menschen wichtige Dinge mitzuteilen. Ein paar, für das Jahr 1988, neumodische Tonbandaufnahmen haben sich auch hineingeschmuggelt. Der Briefroman ist – so vermute ich mal – mit dem Aufkommen der technologisierten Kommunikation Mitte der 90er inzwischen ausgestorben bzw. in die Ecke der historischen Romane verdrängt worden.

S. steht für Sarah Worth, eine 42-jährige, aus wohlhabenden Verhältnissen stammenden Frau, die sich von ihrem Mann Charles trennt, um in einem Ashram in Arizona als Anhängerin des Guru Shri Arhat Mindadali spirituelle Erfüllung zu finden. Sarah ist eine Frau, die dem bequemen, aber tradierten Leben als Hausfrau, Mutter und Vorzeigeobjekt den Rücken kehrt, und nun versucht, in vermeintlicher Unabhängigkeit, ihr Glück zu finden.

Die Briefe sind gänzlich aus Sarahs Perspektive geschrieben und richten sich an den Mann Charles, die Tochter Pearl, die Mutter, den Zahnarzt, die Friseuse, Bänker und andere Personen. Updike versucht sich hier an der weiblichen Perspektive einer „woman on the move“.

Leider muss ich sagen, dass ich seine weibliche Stimme nur ansatzweise gelungen finde. S. soll ein komischer Roman sein, augenzwinkernd erzählt, in der von Updike bekannt detailreichen und eleganten Schreibe. Sarah ist eine Figur, die sich, vom eigenen Familienleben und dem fremdgehenden Ehegatten enttäuscht, nach Liebe in einer engen Kommune sehnt, dort u.a. Egolosigkeit anstrebt, aber, so wird in ihren Briefen schnell deutlich, sich so sehr um sich selbst dreht, dass ihr Bestreben allein dadurch schon ad absurdum geführt wird. Predigt der Arhat, die Illusion und den Schein menschlichen Lebens zu durchschauen und sich davon zu distanzieren, so wird er am Ende des Romans als Amerikaner Art Steinmetz enttarnt, der seine Anhängerinnen reihenweise flachlegt und mit dem Ashram vor allem ökonomische Ziele verfolgt. Die leichte Ironie der Erzählung kippt hier nicht nur einmal in klamaukigen Slapstick um, der als Ziel hat, die Protagonistin und ihre Ambitionen der Lächerlichkeit preiszugeben.

Das läuft die ersten 70 oder 80 Seiten gut, dann hat sich aber dieser Gaul totgelaufen. Der Roman verflacht zusehendst und erreicht am Ende das Niveau einfältiger Hollywoodkomödien. Es beschleicht einen der Eindruck, dass sich der damals 55-jährige Updike in der Übernahme der weiblichen Perspektive vor allem selbst gefällt. Der Film „Tootsie“ war 1982 ein großer Erfolg und kam mir bei der Lektüre nicht nur einmal in den Sinn.

Das Perfide daran: während sich Updike selbstgefällig beider tradierter Geschlechterrollen bedient, sich in der leichtfüßigen Übernahme der Klischees feiert, gesteht er seiner Protagonistin diese Freude und den Erfolg nicht ein. Sie kann nicht aus ihren emotionalen Abhängigkeiten heraustreten, weint am Ende immer noch, obwohl durch veruntreutes Ashram-Geld finanziell abgesichert, ihrem Mann hinterher, der sich mit ihrer besten Freundin neu verheiratet, und bleibt letztendlich allein. Es sind ihre Brüste und ihr knackiger Hintern, die den Arhat für sie eingenommen haben. Updike hat gewonnen. Er hat bewiesen, dass er den Rollenwechsel gewandter beherrscht als all die humorlosen und wenig liebenswerten Feministinnen, die ihm ständig Misogynie vorgeworfen haben.

Es gibt ein paar Szenen im Buch, die wirklich gelungen sind. Es sind vor allem diejenigen, in welchen Sarah scharfsinnig und bissig ihr nahestehende Menschen analysiert und es ihr gelingt, ihren Ärger über die Männerwelt direkt an den Mann zu bringen. Dass sie in diesen Auseinandersetzung nicht das letzte Wort haben darf, ist klar.

Arhat: ‚So it’s jealousy of Durga this is all about. She was in on something you weren’t.‘

Sarah: Shams. That’s what men are. Liars. Hollow frauds and liars. All of them. You’re the nothing, not us cunts. You’re the shunya.

Arhat: ‚Ah, shit, Momma. Suddenly you’re boring me.

[end of tape]

Letztendlich reicht es aber nicht, die etwa 250 Seiten ergiebig zu füllen. Zu viel Geschwätz im Yoga-Lingo, das sich in Oberflächlichkeiten und billigen Klischees erschöpft und darin selbst gefällt. Ich denke, gerade Literatur im Romanformat hat mehr Potential und Möglichkeiten die Welt zu beschreiben. Updikes sprachliche Virtuosität, ja, sie ist beeindruckend und frech, aber ohne inhaltliche Tiefe leiert auch sie nach einiger Zeit in ihrem Ausdruck aus. Es ist gut, dass die Form der leichten und komödiantischen Unterhaltung heutzutage vor allem im Fernsehen bei den Sitcoms ein neues Zuhause gefunden hat.

Ergänzung:

Im Deutschlandfunk gibt es eine Reihe mit Denis Scheck zu den „Dead White European Males“ in der amerikanischen Literatur, die man in der Mediathek nachhören kann: Büchermarkt Deutschlandfunk

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern des Blogs einen guten Rutsch ins neue Jahr 2016.

—–

Bilder: almathun

 

[ESPRESSOMASCHINE] Hilary Mantel – The Assassination of Margaret Thatcher (2014)

[ESPRESSOMASCHINE] Hilary Mantel – The Assassination of Margaret Thatcher (2014)

ESPRESSOMASCHINE TEIL IV

HEUTE: Hilary Mantels „The Assassination of Margaret Thatcher“

WIN_20151224_135103Gestern habe ich mir Hilary Mantels Kurzgeschichtensammlung „The Assassination of Margaret Thatcher“ (Die Ermordung Margaret Thatchers) in der handlichen Paperback Ausgabe zu Weihnachten geschenkt. Ich habe ihre beiden mit zwei Booker Preisen ausgezeichneten historischen Romane „Wölfe“ (Wolf Hall) und „Falken“ (Bring Up the Bodies) über Thomas Cromwell und Henry VIII. bislang nicht gelesen. Es war vor allem der schöne Titel der Sammlung, der mich in vorweihnachtlicher Verzückung zugreifen ließ.

Als der Guardian im September letzten Jahres die gleichnamige Kurzgeschichte exklusiv veröffentlichte, war die Empörung vor allem im konservativen Lager groß. Man zeigte sich „enttäuscht“ von der beliebten Autorin, die erst Mitte des Jahres von der Queen zur „Dame“ erhoben worden war. Man bezeichnete die Geschichte gar als „gefährlichen Unsinn“, „geschmacklos“ und „verbotene Zone“. Ein Mitglied des Oberhauses, Lord Bell, forderte sogar Scotland Yard einzuschalten.

Dieses Vergnügen hatte Ende der 80er Jahre auch der Smiths-Sänger Morrissey, nachdem er in seinem eingängigen Liedchen „Margaret on the Guillotine“ zum Mord an Thatcher aufgerufen hatte. Im Grunde ein schönes Weihnachslied.

Quelle: YouTube

The kind people
Have a wonderful dream
Margaret on the guillotine
Cause people like you
Make me feel so tired
When will you die?

And people like you
Make me feel so old inside
Please die

And kind people
Do not shelter this dream
Make it real

Hilary Mantel ist also nicht die erste, die sich mit einer Ermordung Thatchers beschäftigt hat. „Thatchercide“ – die mentale Auseinandersetzung mit eben dieser Tatsache – hat eine lange Tradition in Great Britain, und es gab sie schon zu Lebzeiten der „Iron Lady“, die 2013 87-jährig an den Folgen einer Demenzerkrankung verstorben ist.

Wer wie ich in den 80er Jahren aufgewachsen ist, wird sich an das bedrückende Dreigestirn Reagan-Thatcher-Kohl noch gut erinnern. 1990 reiste ich mit einer Klassenkameradin für zwei Wochen sehr günstig nach Südengland. Wir wohnten bei einem jungen englischen Paar, beide arbeitslos, er bärtiger Seemann und politisch aktiv gegen die „Poll Tax“, die englische Kopfsteuer. Seinen Hass auf Thatcher erinnere ich noch gut. Ebenso gut erinnere ich das Frühstück, das er uns morgens pfeifend zubereitet hat: in 2 cm hoher Fettsoße ersoffene Rühreier serviert mit lauwarmen Baked Beans auf knusprigem Toast. So etwas erlebt man nur in England. Zwei Tage lag ich mit einer Lebensmittelvergiftung im Bett, während mich die beiden verflohten Familienlabradore abwechselnd besuchten. Aber es waren nette Leute, kind people.

Kurzum: Man sollte nicht danach fragen, was eigentlich freundliche Zeitgenossen dazu treibt, sich eine Ermordung ihres Regierungsoberhauptes vorzustellen, sondern eher, warum es immer wieder Personen in Führungspositionen schaffen, die Gefühle von tiefstem Hass in sonst friedliebenden Menschen heraufzubeschwören in der Lage sind. Ich habe mir über dieses Phänomen lange Zeit Gedanken gemacht, und bin letztendlich zu dem Ergebnis gekommen, dass es sich nicht nur um eine, nach Melanie Klein, projektive Identifizierung handelt, also die unbewusste Übernahme und das Ausagieren verdängter Gefühle des Regierenden durch die Regierten (sehr interessanter Prozess übrigens), sondern auch einfach die Tatsache, dass es Führungspersonen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung gibt, deren Handeln vor allem ein angeknackstes Selbstwertgefühl verdeckt kompensieren soll. Solche Leute dienen nicht den ihnen anvertrauten Menschen, sondern nur den Autoritätspersonen, von denen sie sich selbstwertstabilisierende Anerkennung erhoffen. Offensichtlich war die Thatcher so eine.

Okay, wieder mal abgeschweift. Aber macht ja nichts. Ist ja Weihnachten.

Hilary Mantel also scheint Morrisseys Wunsch nachgekommen zu sein. In ihrer Mordgeschichte wird die Thatcher tatsächlich von einem IRA-Scharfschützen erschossen.

Picture first the street where she breathed her last.

So beginnt die Geschichte. Es ist der Sommer 1983 und die Thatcher unterzieht sich in einer Klinik in der südwestlich an London angrenzenden Stadt Windsor, wo man Vivaldi und Perrier konsumiert, einer Augen-OP. Es ist ein Jahr nach dem für die Briten erfolgreich verlaufenden Falkland-Krieg und ein Jahr vor dem Bombenanschlag der IRA auf das Grand Hotel in Brighton, das die Thatchers mit Glück überleben.

DSC_0120 (3)Die Erzählerin ist eine Anwohnerin in der Nähe des Krankenhauses, die von ihrem Schlafzimmerfenster aus einen hervorragenden Blick auf den Hintereingang des Hospitals hat. An dem Tag, an welchem die Thatcher entlassen wird, verschafft sich ein IRA-Scharfschütze Zugang in ihr Haus. Es entspinnt sich ein interessantes Kammerspiel, in welchem sich beide bei einer Tasse Tee über das Für und Wider eines Attentats unterhalten, und bei welchem die Erzählerin sich mehr und mehr für das Vorhaben erwärmen kann, dem Attentäter sogar eine vorteilhafte Fluchtmöglichkeit unterbreitet.

Das Zeitkolorit der frühen 80er Jahre wird von Mantel überzeugend eingefangen. Die britische Klassengesellschaft mit ihrem Snobismus spiegelt sich zum Beispiel in Auseinandersetzungen darüber, ob man Zucker in den Tee nimmt oder nicht. Jilly Cooper und Adrian Mole lassen grüßen.

‚Make us another brew. And put sugar in it this time.‘

‚Oh,‘ I said. I was flustered by a failing in hospitality. ‚I didn’t know you took sugar. I might not have white.‘

‚The bourgeoisie, eh?‘

I was angry. ‚You’re not too proud to shoot out of my bourgeois sash window, are you?‘

He lurched forward, hand groping for the gun.

Die Mantel hat Humor und ich musste beim Lesen nicht nur einmal schmunzeln. Die Leserin nimmt Anteil an der emotionalen Wankelmütigkeit der Erzählerin, die zwischen Abgrenzung zum bildungsfernen Sniper und Identifikation mit der Sache hin- und herschwankt.

I had said to him earlier, violence solves nothing. Bit it was only a piety […] , and if I thought about it, I felt a hypocrite. It’s only what the strong preach to the weak: you never hear it the other way round; the strong don’t lay down their arms.

Besonders hervorzuheben ist Mantels Prosa, die sich so liest, wie sich eine ayurvedische Abyanga Stirnguss-Massage anfühlt. In der Filmsprache würde man wohl von längeren Kameraschwenks reden, die mit auktorialer Souveränität ganze Umgebungen in ihren Details szenisch einfangen und so eine Stimmung von leichter Erhabenheit vermitteln. Mir hat das gefallen, vor allem auch deshalb, weil es ein ganz eigener, lyrischer Stil ist, der mir so vorher noch nicht untergekommen ist.

Ich freue mich schon auf die anderen Geschichten in „Die Ermordung der Margaret Thatcher“, einem schönen Buch für die Weihnachtszeit. Im Januar strahlt arte die sechsteilige BBC-Serie „Wolf Hall“ aus. Ich werde dabei sein. Wer nicht so lange warten kann, schaut sich vielleicht noch einmal den wirklich gelungenen und unterhaltsamen Film „The Iron Lady“ mit Merryl Streep an.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern des Blogs eine entspannte und, falls möglich, erholsame Weihnachtszeit!

—-

Bilder

Espressotasse: © Nevit Dilmen [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)%5D, via Wikimedia Commons

alle anderen Bilder: almathun

WILDE PALMEN von William Faulkner (1939)

WILDE PALMEN von William Faulkner (1939)

William Faulkners „Wilde Palmen„(1939) ist vor kurzem in der ZEIT Bibliothek der verschwundenen Bücher neu herausgegeben worden. Die deutsche Übersetzung stammt aus dem Jahre 1957 (Braem & Kaiser). Das feine, grasfroschgrüne Exemplar auf dem Foto habe ich bei „Lesen macht glücklich“ gewonnen. Herzlichen Dank noch einmal an MARC.

DSC_0035
Zimmerpalme meets wilde Palme.

Ob sich William Faulkner mit dieser Ausgabe angefreundet hätte, wage ich allerdings zu bezweifeln. Die ursprüngliche Version des Romans besteht nämlich aus zwei unabhängigen, aber ineinander verzahnten Geschichten: „Wilde Palmen“ und einer weiteren Story namens „Der Strom“ (im engl. „Old Man“), die sich kapitelweise abwechseln und kontrapunktisch ergänzen. Weshalb „Wilde Palmen“ nun einzeln gedruckt wurde, ist mir auch im persönlichen Nachwort von Jens Jessen – dessen ZEIT-Kolumne „Jessens Tierleben“ ich sehr gerne lese – nicht ganz klar geworden.

Was die ZEIT hier mit der wilden Palme und dem alten Mann gemacht hat, ist nichts Geringeres als das, wovon schon Aristophanes in Platons „Gastmahl“ erzählt, wenn er über die Ursprünge der erotischen Begierde in seinem Mythos vom Kugelmenschen berichtet, wonach Göttervater Zeus die kugeligen, durch die Weltgeschichte rollenden Körper der glücklich vereinten Menschen für ihren Übermut in jeweils zwei Hälften teilt. So entstanden die heutigen Zweibeiner, die sich ohn Unterlass nach ihrer anderen Hälfte sehnen, um sich wieder mit ihr zu vereinigen. Aber der glückselige Urzustand kann – einmal aufgesplittet –  nicht mehr erreicht werden.

lachish_relief2c_british_museum_13
Lachish Relief, British Museum (700-692 v. Chr.)

Weiterhin hatte Faulkner für seinen Roman ursprünglich den Titel „If I Forget Thee, Jerusalem“ vorgesehen, aus dem „Psalm 137“, der den sehnsüchtigen Klagegesang der aus Jersusalem vertriebenen Israeliten wiedergibt. Faulkners Verlag Random House war das aber egal.

Was schade ist, denn der Titel wäre der Thematik des Romans viel näher gekommen als „Wilde Palmen“. Außerdem gibt es sehr viele Ortswechsel, was der Geschichte eine gewisse Rastlosigkeit verleiht. Von der Mississippi Golfküste geht es nach Chicago, später nach Utah und San Antonio in Texas, um nur einige Locations zu nennen. Wäre ich Leo von Leos Literarischen Landkarten, dann würde ich jetzt die Reiseroute von Charlotte Rittenmeyer und ihrem Liebhaber Henry Wilbourne quer durch die USA anhand einer Karte verdeutlichen.

„Wilde Palmen“ ist eine Liebesgeschichte, die tödlich endet. Die „Jungfrau“ Henry trifft auf die verheiratete Charlotte, sie verlieben sich, reisen durch die USA, um Arbeit zu finden oder die Liebe vor dem Alltagstrott zu retten, und enden tragisch, als Henry an Charlotte eine illegale Abtreibung durchführt und diese an den Folgen stirbt.

Da die andere Hälfte des Buches auf mysteriöse Weise verschwunden ist, mag ich jetzt gar nicht weiter über den Roman schreiben. Beeindruckt haben mich weniger die Charaktere und ihre Geschichte, sondern vor allem die Sprache Faulkners und seine Beschreibungen der Natur und des Settings, vor allem die Passagen an der windigen aber gleichzeitig milden Golfküste und in der rauen, eiskalten und abgelegenen Bergbausiedlung in Utah.

…er […] folgte dem tanzenden Strahl seiner Lampe, […] ging durch die trennende Oleanderhecke und hinein in den ungestüm und ungemindert daherfegenden Seewind, der die unsichtbaren Palmen drosch und über das harsche, salzige Gras des verwahrlosten Nachbargrundstücks wischte; und da sah er in dem anderen Haus das matte Licht. „Sie blutet, was?“, sagte er. Es war bewölkt; der unsichtbare Wind blies stark und stetig in den unsichtbaren Palmen von der unsichtbaren See her – ein harsches, stetiges Rauschen, voll vom Murmeln der Brandung gegen die vorgelagerten, abgrenzenden Inseln, Landzungen und Sandsteinklippen – gleich Basteien, gesäumt von geschüttelten, dürftigen Pinien. „Hämmorraghie?“ (S. 18)

Die Dramatisierung des Plots gipfelt am Ende der Geschichte in einer Personifizierung der Naturerscheinungen.

…und die ganze Nacht stöhnte und heulte eine Boje draußen im Fluss, und die Palme vorm Fenster drosch und peitschte, und kurz vorm Morgen schlug der Schwanz des Hurrikans mit gellendem, hetzendem Schrei zu. Nicht der Hurrikan selbst – der galoppierte irgendwo im Golf weiter und weiter -, nur der Schwanz war es, ein Schütteln seiner vorbeifliegenden Mähne, die am Ufer die trübgelbe Flut drei Meter hochtrieb und sie zwanzig Stunden lang nicht fallen ließ, die durch die wilde, wütende Palme tollte, deren immer noch trockenes Dreschen über das Dach der Zelle wischte, ….

Das liest sich wie ein Höllenritt auf dem Hexenbesen der Endlos-Sätze, die hier repräsentativ für das verzweifelte Innenleben des sonst merkwürdig passiv wirkenden Protagonisten stehen. Im Krankenhaus, einer Gefängniszelle und einem Gerichtssaal findet die Geschichte ihr Ende und kontrastiert damit das ungestüme Leben und Lieben mit und in der überall hineindrängenden Natur, die hier auch Sinnbild für den in lang ersehnter und nun endlich erfüllter Sexualität aufgeblühten Menschen ist.

Es geht um einen großen, menschlichen Verlust,

william_faulkner_1954_28329_28photo_by_carl_van_vechten29
William Faulkner, 1954.

hervorgerufen durch das unnatürliche „Herumpfuschen“ an der Natur. Charlotte will bzw. kann nicht den natürlichen Lauf der Dinge akzeptieren und ein weiteres Kind zur Welt bringen. Mit ihrer freien Entscheidung sich von der „natürlichen Bestimmung“ der Frau zu distanzieren, hat sie in Faulkners „Wilde Palmen“ ihr Todesurteil unterschrieben. Mit dem Thema Abtreibung nimmt der Roman im zweiten Drittel an Fahrt auf, wird aber nie zum Thesenroman, sondern stellt die emotionale Zerrissenheit und Verzweiflung des Menschen als natürliche und gleichzeitig zum freien Willen befähigte Kreatur in den Mittelpunkt.

Ich will es. So ist es also doch das alte Fleisch, einerlei wie alt. […], und darum verging, als SIE verging, auch die Hälfte der Erinnerns, und wenn ich vergehen werde, wird alles Erinnern aufgehört haben zu sein. – Ja, dachte er, vor die Wahl gestellt zwischen dem Leid und dem Nichts wähle ich das Leid. (S. 218)

Die halbierte Fassung des Romans lohnt wegen Faulkners sprachlicher Kunst selbst in der deutschen Übersetzung und kann als Einstieg in die Vollversion aus beiden Geschichten, Wilde Palmen+Der Strom, verstanden werden. Da der Doppelroman häufig unter dem Einzeltitel „Wilde Palmen“ verkauft wird, kann ich nur empfehlen, vor dem Kauf genauestens ins Innere des Buches zu schauen, sollte man sich für die vom Autor intendierte Fassung interessieren. Es wäre vergebliche Liebesmüh‘, erst beim Lesen nach der verschwundenen zweiten Hälfte der ohne Echo verbliebenen, wild um sich peitschenden Palmen zu suchen.

Bilder:

Lachish Relief: Photograph by Mike Peel (www.mikepeel.net). [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, via Wikimedia Commons

William Faulkner: Carl Van Vechten [Public domain], via Wikimedia Commons

alle anderen Bilder: almathun